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 © Helmut Meisl

 Gedanken zum Sonntag
Diese Seite als Druckausgabe


Von innen
Vergebung geschieht von innen.
Anderenfalls ist es Entschuldigung.




In der Verzeihung des Unverzeihlichen ist der Mensch der göttlichen Liebe am nächsten.

Gertrud Le Fort

11. September 2005 - 24. Sonntag im Jahreskreis

In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.

Das Gleichnis erscheint schnörkellos und deftig. Welcher Hörer – damals oder heute – würde sich nicht empören über die Gefühlskälte des Knechtes, dem eine unvorstellbar große Schuld erlassen wird und dennoch gnadenlose Härte zeigt angesichts der Bagatellschuld seines Kollegen?! Die „Moral von der Geschichte“ wäre auch ohne den Schlusssatz offenkundig. Aber werden hier Schuld und Vergebung nicht allzu banal und oberflächlich abgehandelt? Für sich genommen, mutet das Gleichnis eher wie eine Zumutung an für alle, die von einem Mitmenschen tief verletzt worden sind und Jahre brauchen, darüber hinwegzukommen – von Vergebung ganz zu schweigen. Die meisten Menschen müssen in ihrem Leben mit mehr als nur Bagatellschulden fertig werden.

Aber vielleicht ist die „Moral“ des Gleichnisses auch eine ganz andere. Vielleicht erzählte Jesus die Geschichte ja gerade für die Menschen, die wie der eine Knecht von der Last einer ungeheuren Schuld erdrückt werden. Ihnen, die auf Vergebung gar nicht zu hoffen wagen, wird Vergebung zugesagt – überraschend und unverdient. Ist das die heimliche Spitze des Gleichnisses? Keine Schuld ist so groß, dass Gott sie nicht vergeben könnte und wollte.
Nur wer diese Zusage mit ganzem Herzen versteht, muss und kann sich auch den moralischen Imperativ zu eigen machen, der daraus folgt.





Autor / Quelle: Bergmoser + Höller Verlag Aachen - Hans Reithofer

Beitrag online bis 8.10.2005 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (8.9.05 - 15.09.05 - ) / 1172 / 174