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 © Helmut Meisl

 Gedanken zum Sonntag
Diese Seite als Druckausgabe


Mit unseren Fähigkeiten ist es wie mit Kindern: Sie brauchen Spielräume, wollen Grenzen antesten, neu anfangen, wenn etwas schief gegangen ist. Nur dann können sie wachsen.




Das Evangelium und die Gaben des Heiligen Geistes sind keine Sache, die man aufbewahren und für künftigen Bedarf auf Eis legen kann; es gibt keine christlichen Weckgläser und keine kirchlichen Safes.

Wilhelm Stählin

13. November 2005 - 33. Sonntag im Jahreskreis

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an.

Das Gleichnis liest sich wie ein biblischer Freibrief für kapitalistische Profitsucht, Raffgier und Ausbeutung. Wird Gott hier nicht mit einem hartgesottenen Geschäftemacher verglichen, der die vermutlich ebenso rücksichtslosen Tüchtigen belohnt und die Ängstlichen bestraft? Es wundert nicht, dass das Gleichnis immer wieder auch Protest und den beißenden Spott etwa eines Bert Brecht hervorgerufen hat: „Als unser Herr auf Erden / in Sprüchen sich erging, / da hieß er uns bewerten / den Wucher nicht gering ...“

Was aber, wenn wir das Gleichnis immer falsch gelesen haben und der eigentliche Held der Geschichte der dritte Diener ist? Wenn wir unsere Lesegewohnheit so auf den Kopf stellen, wird das Gleichnis plötzlich zu einer Anklage an jegliche Art von Ausbeutung. Dann können wir im dritten Diener auch einen erkennen, der den Preis dafür zahlt, dass er sich nicht vor den Karren der Geschäftemacher spannen lässt und bei ihrem „Monopoly“-Spiel nicht mitmachen will. Der Diener wird so zur Symbolfigur all der Habenichtse, denen auch noch das weggenommen wird, was sie haben, damit die Reichen immer noch reicher werden können. Mit dieser Lesart eröffnet sich uns auch die ungeheure Brisanz dieses Gleichnisses als ein leises, aber umso eindringlicheres Plädoyer für ein gerechteres, menschenfreundlicheres Wirtschaften – im eigenen Land und weltweit.





Autor / Quelle: Bergmoser + Höller Verlag Aachen - Hans Reithofer

Beitrag online bis 11.12.2005 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (10.11.05 - 17.11.05 - ) / 1227 / 183