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Marc Chagall
Thamar, die Schwiegertochter Judas




Wenn Sie mehr lesen wollen

Die Geschichte von Thamar ist im 38. Kapitel der Genesis.
Thomas Mann: „Josef und seine Brüder“ - ein gewaltiger Roman in vier Bänden. Die Geschichte von Thamar ist im 5. Hauptstück des IV. Bandes: „Josef, der Ernährer“
Eugen Drewermann: „Das Matthäus-Evangelium“: 3 Bände

5. Dezember 2005 - Thamar

Am Beginn des Matthäus-Evangeliums steht der Stammbaum Jesu, und in dieser Aufzählung werden neben den Patriarchen und Königen auch vier Frauen erwähnt, eine davon ist Thamar. Sie ist eine der verblüffendsten Gestalten der Bibel.

Wir befinden uns im Orient, zur Zeit der 12 Söhne Jakobs, fast 4000 Jahre vor unserer Zeit. Es herrschen raue Sitten und Gebräuche, aber eine Ahnung und Erhellung ist eingetreten: Der neue Gott der Hebräer ist im Gespräch, eine Verheißung ist ergangen. Jakob hat aus seinen 12 Söhnen besonders Juda auserwählt und gesegnet, und seinen Nachkommen Herrschaft und Ruhm verheißen.

Die kanaanäische Frau Thamar, hat sie gespürt, dass Neues und Überlegenes am Werk war? Hat sie beschlossen, sich in diese Geschichte Gottes mit den Menschen einzubringen?

Juda gibt seinem Erstgeborenen Er Thamar zur Frau. Aber kaum in die Ehe gegeben, stirbt Er. Thamar ist nicht gewillt, so früh schon aufzugeben und als Gescheiterte allein zurückzubleiben: Sie begehrt den Zweitgeborenen zum Mann - Onan. Er soll seiner Schwägerin-Witwe Kinder verschaffen. Später wurde es geschriebenes Recht, eine eigene Institution: Die Schwager-Ehe. Doch dies war nicht der Wille Onans, die Kinder hätten als die seines Bruders gegolten. „Er ließ es, wenn er zum Weibe seines Bruders ging, auf die Erde fallen und so verderben, um seinem Bruder nicht Nachkommen zu verschaffen.“ Onan wurde schon bald vom Tode hinweggerafft, man sah es als Strafe Gottes an.

Wie Thamar, die zweifach Gestrafte, die vermeintliche Jünglingsverderberin, nie aufhört, an die Kraft ihres Lebens zu glauben, wie sie sich einsetzt für ihre Hoffnung, indem sie sich hinwegsetzt über jedes Recht, um sich Recht zu verschaffen - das umstrahlt ihr Bild mit einer unheimlichen Größe aus Trauer und Trotz, aus Verzweiflung und Verlangen, aus Leid und aus List.

Die Tage gingen dahin. Juda weigert sich, Schela, den Jüngsten, an Thamar zu verheiraten. Judas Frau stirbt, und er war bekannt als hitziger Mann.

Es findet ein Schafschurfest statt in Thimna, Juda begibt sich dorthin. Das bedeutet Hitze und Schweiß, Männerzoten, am Ende erschöpfte Zufriedenheit, die nach verdienter Belohnung ausspäht. Juda fand eine Frau im Gewand einer Dirne, ihr Gesicht verhüllt, und er bog ab, um mit ihr zu schlafen. Als Preis verspricht er einen Ziegenbock - und sie behält als Pfand seinen Siegelring, eine Schnur und den Stab. Als am nächsten Tag bezahlt und das Pfand zurückgefordert werden soll, ist die Frau nirgends aufzufinden und überall unbekannt. Juda vergisst die Sache.

Drei Monate später wird ihm gemeldet: „Deine Schwiegertochter hat Unzucht getrieben, denn sie ist schwanger geworden.“ Juda rastet aus: „Führt Thamar hinaus, sie soll verbrannt werden!“ Bei sich selbst ist er großzügig, zu anderen streng und rigoros.

Schon scheint sie am Ende, schon wird sie hinausgeführt zum Verbrennungsplatz, da schickt sie zu ihrem Schwiegervater Juda und lässt ihm sagen: „Von dem Mann, dem das hier gehört, bin ich schwanger“, und lässt ihn fragen: „Wem gehören doch nur dieser Siegelring, und die Schnur, und der Stab?“ Als Juda genauer hinsah, erzählt die Bibel, musste er sprechen: „Sie ist im Recht gegen mich.“ Thamar bringt Zwillinge zur Welt, Perez und Serach.

Mutige Thamar! Welche Kraft hast Du in dir gehabt, um dein Leben derart in die eigene Hand zu nehmen. Und was für ein Vorbild bist du für alle geworden, die Rechtlichkeit höher schätzen als das Gesetz und das Leben mit seinen Verheißungen höher als alle Normen und Vorschriften!

Merken Sie, warum Matthäus in seinem Stammbaum Jesu diese Frau unbedingt erwähnen musste? Und dass Jesus, der Messias, in seinem Leben und Wirken stets die Menschen höher bewertet hat, als das Gesetz? Und mit welcher Macht und Kraft unser Gott in unsere Welt und in unser Leben eingreifen kann - wenn wir ihn nur lassen?


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Autor / Quelle: Wilfried Kaaser - Pastoralassistent

Beitrag online bis 31.3.2006 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (4.12.05 - 04.12.05 - ) / 1246 / 497