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Marc Chagall Ährenleserin Ruth
Marc Chagall Treffen Ruth und Boas
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11. Dezember 2005 - Ruth
Es ist eine Geschichte von Leid und Sehnsucht, von Sorge, Hoffnung und Liebe, und wieder vom Mut, Grenzen zu überschreiten.
Nach Thamar und Rahab ist Ruth die dritte Frau, die Matthäus im Stammbaum Jesu anführt. Ihre Geschichte steht im Buch Ruth, das im AT nach dem Buch der Richter eingefügt ist. Es ist eine Geschichte von Leid und Sehnsucht, von Sorge, Hoffnung und Liebe, und wieder vom Mut, Grenzen zu überschreiten.
In den Tagen der Richter - es gab noch keine Könige in Israel - fielen Dürre und Hunger über das Land. Ein Mann namens Eli-Melech sah sich dadurch gezwungen, das bittere Los der Auswanderer auf sich zu nehmen: Er und seine Frau Noemi zusammen mit ihren zwei Söhnen verließen ihren Grund und Boden in Bethlehem und zogen in das noch grüne Land der Moabiter jenseits des Jordan. Moab - ein Land der Heiden, fern vom „gelobten Land“. Dort aber starb Eli-Melech, und seine zwei Söhne Machlon und Chiljon nahmen sich zwei moabitische Frauen zur Ehe: Orpa und Ruth - im Widerspruch zu allen Gesetzen und Regeln, die den Israeliten die Ehe mit Heidenvölkern verboten. Doch bald starben auch sie, und leidgeprüft, von Gott schwer geschlagen, eine Verbitterte, stand Noemi da ohne Gatten noch Söhne noch Enkel, allein und mittellos, und sehnte sich heim in die Heimat der Väter. Dort, wie sie hörte, wuchsen inzwischen wieder reich die Erträge der Felder.
Und so trat sie hin vor ihre zwei Schwiegertöchter, vor Orpa und Ruth, und mahnte sie dringlich, an sich selber zu denken: Sie kehre jetzt nach Hause zurück, und eine jede solle jetzt getrennt ihres Weges gehen. Orpa und Ruth begannen zu weinen, als sie es hörten, und so oft Noemi auch in sie drang, sie beteuerten: Wir bleiben bei dir und gehen mit dir zu deinem Volk. Schließlich, unter Tränen und Küssen, machte Orpa sich auf und zog fort. Man hört nichts mehr von ihr.
Ruth antwortet den Bitten der Schwiegermutter, es ihr gleichzutun: „Setz mir nicht zu, dich zu verlassen und mich von dir zu wenden; denn: wohin du gehst, gehe ich, dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, sterbe ich; nur der Tod wird trennen zwischen mir und dir.“ (Ruth 1, 16-17)
Ein provozierender Glaube der moabitischen Heidin Ruth - alle geschriebenen Worte über Gott, alle Gesetze verglühen vor der Einsicht: Gott ist nur in der Liebe unter den Menschen zu finden - oder gar nicht!
Es ist gerade Erntezeit, als Noemi mit ihrer Schwiegertochter Ruth nach Bethlehem zurückkehrt. Da ist einzig noch ein Landbesitz ihres verstorbenen Mannes, wer den einlösen wollte, indem er die Erbschaft anträte und sie auszahlte, der wäre ein „Erlöser“ Noemis, ein aus Schuldverhaftung Befreiender. Einer aus der eigenen Sippe müsste es sein, ein Verwandter Eli-Melechs. Wenn es gelingen würde, Boas aus Bethlehem auf Ruth aufmerksam zu machen! Die beiden passten so gut zusammen! Aber es müsste aussehen, wie ganz ohne Absicht, wenn es gelingen soll. Ruth wird Tagelöhnerin am Feld bei Boas.
Gleich, als Boas gegen Mittag von Bethlehem herüberkommt, um die Erntearbeiten in Augenschein zu nehmen, fällt ihm eine Frau auf, die unermüdlich, ohne nach Schatten und Ruhe zu suchen, die Arbeit verrichtet wie keine andere. Schon bittet Boas die tüchtige Ruth, ja nicht auf anderer Leute Äcker zu arbeiten. Die Aufseher sollen Ruth bei der Arbeit nicht länger mehr antreiben - sie hat es ersichtlich nicht nötig. Sie darf mit ihnen trinken, wenn sie Durst hat. Er stellt ihr in Aussicht: „Der Herr vergelte dir dein Tun, es sollte dein Lohn vollkommen sein von Seiten des Herrn, des Gottes Israel, zu dem du gekommen bist, Zuflucht zu finden unter seinen Flügeln.“ (Ruth 2,12)
Ruth darf Mittagmahl halten an der Seite der Schnitter; Boas selbst legt Ruth das Brot vor. Für sie soll man viel übriglassen von den Korngaben, dass sie recht viel sich ersammle - ein Epha Gerste wird es am Abend sein.
Die Erntetage gehen dahin in Arbeit, Fleiß und Schweiß. Das Worfeln steht bevor, eine fröhliche Arbeit, die Glück und Zufriedenheit schenkt. In der Nacht, als Boas, müde von der Arbeit und nach reichlicher Mahlzeit, sich schlafengelegt hat auf der Tenne, erspäht die so sittsame, unbescholtene, tüchtige Ruth den richtigen Zeitpunkt: „Sie deckt seine Füße auf und legt sich zu ihm.“ Sehr dezent wird ausgedrückt, was Ruth bei Boas macht. Jetzt, auf die Frage: „Wer bist du?“ antwortet sie in der Nacht: „Ich bin Ruth, deine Magd; breite du deinen Flügel über deine Magd.“
„Tugendsam“ war Ruth in dieser entscheidenden Stunde wohl nicht. Sie war, wie die Bibel sagt, eine „kraftvolle“, eine „energisch handelnde“, eine mit einem Wurf alles aufs Spiel setzende Frau; doch gerade so war sie die Frau, die Boas liebte. Er nimmt sie zur Frau, und ihr Kind hieß Obed, der ist der Vater Isais, und dieser ist der Vater Davids.
In der Liebe, die bereit ist, unsere engen Grenzen und Gesetze auch zu überschreiten, wirkt Gott in unserer Welt - ein deutlicher Vorentwurf von Maria, der Mutter Jesu, und an ihn selbst, in dem Gott alle Grenzen der Liebe zu den Menschen übersteigt.
Autor / Quelle: Wilfried Kaaser - Pastoralassistent
Beitrag online bis 31.3.2006 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (10.12.05 - 10.12.05 - ) / 1255 / 860
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