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 © Helmut Meisl

 Gedanken zum Sonntag
Diese Seite als Druckausgabe


Wer annimmt, Jesus erwecke Lazarus, um seine Göttlichkeit zu demonstrieren, wird nicht verstehen, warum er weint. Jesus weint, weil er den verstorbenen Freund liebt und weil er ihn liebt, rettet er ihn. Diese Tränen Jesu um Lazarus ermutigen auch mich zu sagen: „Seht, wie lieb er mich hat!“


Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, unsterblich, wo wir lieben.

(Karl Jaspers)



5. Fastensonntag 2002

Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt.

Kein Wunder, dass sich viele wundern über diese Wundergeschichte. Nicht, weil mit der Auferstehung des Lazarus die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden. Verwunderlich ist vielmehr, dass dieses außergewöhnliche Ereignis gar nicht den spektakulären Höhepunkt des Geschehens darstellt. Eher nüchtern wird berichtet, wie der Verstorbene aus dem Grab heraustritt. Dabei ist die Geschichte alles andere als emotionslos. Jesus steht nicht da wie der große Zauberer, über alles erhaben. Er liebt, er zürnt, er weint. Er spürt alles das, was Menschen erleben, die in enger und verbindlicher Beziehung zu anderen Menschen leben. Sein besonderes Mitgefühl gilt den Schwestern Maria und Martha. Dabei erspart Jesus seinen Freundinnen und Freunden nicht die Fragen, die Trauer, die Verzweiflung. Seine Zusage „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ erschließt sich nicht unmittelbar. Sie muss geglaubt werden inmitten von Kummer und Zweifel. Und sie kann wundersam an Gestalt gewinnen, begreifbar werden im Miteinander von Menschen. Kein Wunder, dass eben nicht die große Zauberei, sondern so viel Menschliches im Mittelpunkt dieser Wundergeschichte steht.




Autor / Quelle: Susanne Brandt

Beitrag online bis 21.3.2002 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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