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Mag. Otto Oberlechner erwies sich als ein überaus fachkundiger Kenner der Literatur, der zudem durch einen perfekten aber auch sehr natürlichen Vortrag den Abend viel zu schnell vergehen liess.
Lebensbeschreibung
von Peter Handke
Was nützt es dem Menschen, wenn er an der Seele gewinnt, an der Welt aber Schaden leidet?
Gott erblickte das Licht der Welt in der Nacht vom vierundzwanzigsten zum fünfundzwanzigsten Dezember. Die Mutter Gottes wickelte Gott in Windeln. Auf einem Esel flüchtete er sodann nach Ägypten. Als seine Taten verjährt waren, kehrte er in sein Geburtsland zurück, weil er fand, dass dort der Ort sei, an welchem ein jeder am besten gedeihen könnte. Er wuchs auf im Stillen und nahm zu an der Freude seiner Eltern, die alles daransetzten, aus ihm einen ordentlichen Menschen zu machen. So erlernte er nach einer kurzen Schulzeit das Zimmermannshandwerk. Dann, als seine Zeit gekommen war, legte er, sehr zum Verdruss seines Vaters, die Hände in den Schoß. Er trat aus der Verborgenheit. Es hielt ihn nicht mehr in Nazareth. Er brach auf und verkündete, dass das Reich Gottes nahe sei. Er wirkte auch Wunder. Er sorgte für Unterhaltung bei Hochzeiten. Er trieb Teufel aus. Einen Schweinezüchter brachte er auf solche Art um sein Eigentum. In Jerusalem verhinderte er eines Tages im Tempel den Geldverkehr. Ohne das Versammlungsverbot zu beachten, sprach er oft unter freiem Himmel. Aus der Langweile der Massen gewann er einigen Zulauf. Indes predigte er meist tauben Ohren. Wie später die Anklage sagte, versuchte er das Volk gegen die Obrigkeit aufzuwiegeln, indem er ihm vorspiegelte, er sei der ersehnte Erlöser. Andererseits war Gott kein Unmensch. Er tat keiner Fliege etwas zuleide. Niemandem vermochte er auch nur ein Haar zu krümmen. Er war nicht menschenscheu. Unbeschadet seines ein wenig großsprecherischen Wesens war er im Grunde harmlos. Immerhin hielten einige Gott für besser als gar nichts. Deshalb wurde ihm ein kurzer Prozess gemacht. Er hatte zu seiner Verteidigung wenig vorzubringen. Wenn er sprach, sprach er nicht zur Sache. Im übrigen blieb er bei seiner Aussage, dass er der sei, der er sei. Meist aber schwieg er. Am Karfreitag des Jahres dreißig oder neununddreißig nach der Zeitwende wurde er, in einem nicht ganz einwandfreien Verfahren, ans Kreuz gehenkt. Er sagte noch sieben Worte. Um drei Uhr Nachmittag, bei sonnigem Wetter, gab er seinen Geist auf. Zur gleichen Zeit wurde in Jerusalem ein Erdbeben von mittlerer Stärke verzeichnet. Es ereigneten sich geringe Sachschäden.
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Jesu-Leben auf einer A4-Seite
19.03.2002: Auch der letzte Abend der diesjährigen Fastenaktion mit Mag. Otto Oberlechner zog die zahlreich gekommenen Besucher in seinen Bann.
Als geborenem Rauriser wurde Otto Oberlechner die Freude an der Literatur und der persönliche Kontakt zu "Literaten" schon fast in die Wiege gelegt und so ist seine Aufforderung auch zu verstehen, dass wir die Literaten ernst nehmen und ihnen zuhören sollten, was sie uns und der Welt zu sagen hätten. Das gilt auch noch heute, denn Schriftsteller hätten auch heute noch viel zu sagen, schauen sie doch sehr oft viel feiner und genauer auf das Geschehen auf der Welt.
Viele Schriftsteller haben das Christentum abgelehnt, weil sie sich darin beengt und bevormundet und teilweise auch vom "System" bedrängt fühlten. Eine Empfehlung des Schriftsteller Albert Camus, der sich selbst keinesfalls als christlicher Mensch bezeichnete und dies in seinen Werken auch deutlich machte, sollte aber auch von Christen beherzigt werden: "Nur jene Leute sollten von Gott reden, die schon durch die Wüste gegangen sind."
Nach einem ersten Textbeispiel von Albert Camus mit dem Titel "Kein Gott für niemals" folgte eine recht reger Gedankenaustausch über die Einstellungen zu Kirche und Gott dieses Literaten, der zwar ein überzeugter und glaubwürdiger Humanist, keinesfalls aber ein religiöser Mensch war. Trotzdem können viele seiner Aussagen auch auch christlicher Sicht klar befürwortet werden. "Nur die Christen haben das Recht, Christen etwas vorzuschreiben", meint sinngemäss Camus und stellt damit die Praxis an den Pranger, dass ausgerechnet der Kirche und dem Christentum sehr fern stehende Personen immer wieder glauben, den Christen vorschreiben zu müssen, wie sie zu leben und handeln hätten. Camus teilt mit den Christen das Grauen vor dem Bösen auf dieser Welt, nicht aber die Hoffnung der Christen.
Und noch einen Vorwurf, der viele Jahrzehnte alt ist, hat nach wie vor Gültigkeit: "Die Kirche muss eine Sprache sprechen, die auch von einfachen Menschen ganz verstanden wird, die Sprache der Enzykliken ist unklar und erfüllt diese Kriterien nicht. Die Kirche muss ihre Stimme erheben, wo den Menschen Unrecht geschieht."
Ein nicht minder spannender Text von Peter Handke wurde im zweiten Teil des Abends besprochen. Der Text mit den Titel "Lebensbeschreibung", der im Jahr 1969 entstanden ist, reduziert die ganze Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth auf weniger als eine Schreibmaschinenseite, schafft es aber dabei, alles Wesentliche zu erfassen und dabei gleichzeitig dem Christentum in aller Deutlichkeit den Spiegel vorzuhalten, ohne in der Sprachwahl verletzend zu werden.
Autor / Quelle: Helmut Meisl
Beitrag online bis 31.12.2002 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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