Diese Seite als Druckausgabe
|
Die Geschichte vom kleinen Jungen und dem Herrn Pfarrer
Zum Vorlesen und Nachdenken
Meine Geschichte spielt in einer Kirche. Keine besondere Kirche, nein, es ist eine Kirche wie viele andere: Nicht zu groß, nicht zu klein, ein Kirchturm mit Glocken, ein Pfarrhaus. Ein ganz normales Pfarrhaus übrigens, nicht zu groß, nicht zu klein, mit Fenstern, Türen, Blumen auf dem Balkon und einem Pfarrer. Ein ganz normaler Pfarrer übrigens, nicht zu groß, nicht zu klein... aber das wisst ihr ja jetzt schon. Und dieser Herr Pfarrer macht sich gerade auf den Weg in die Kirche. Es ist nämlich Sonntag heute und da muss ein Pfarrer arbeiten gehen. In seiner Aktentasche hat er seine Predigt. Ihr wisst schon, das ist diese Rede, die ein Pfarrer jeden Sonntag hält. Da erzählt er immer vom lieben Gott. Was er von uns will: dass wir gut zueinander sind und uns gegenseitig helfen. Aber auch, was der liebe Gott für uns tut: dass er uns beschützen will und immer da ist, wenn wir ihn brauchen. Heute erzählt der Herr Pfarrer gerade wie Jesus seine Jünger schimpft, weil die ein paar kleine Kinder nicht zu ihm durch gelassen haben. „Lasset die Kinder zu mir kommen!“, sagt er zu ihnen. Auf einmal merkt der Pfarrer, dass die Leute in den Kirchenbänken so eigenartig dreinschauen. Ein paar schmunzeln, ein paar wirken verdutzt und ein paar schauen fastein bisschen böse. Und alle schauen sie in dieselbe Richtung. Nämlich zu den Stufen, die zu der Kanzel führen, auf der der Herr Pfarrer gerade predigt. Vorsichtig wagt er einen Blick hinunter. Da sitzt doch tatsächlich ganz friedlich ein kleiner Bub und schaut zu ihm hinauf. Da muss er lächeln, der Herr Pfarrer. Und dann fasst er sich ein Herz (das ist auch für einen Pfarrer nicht immer ganz leicht), geht hinunter, nimmt den Buben auf den Arm und setzt dann seine Predigt fort. Zunächst staunen die Leute. Aber schließlich denken sie sich: Warum eigentlich nicht? Unser Herr Pfarrer ist zwar beileibe kein Jesus, aber warum sollte nicht auch er die Kinder zu sich kommen lassen? - Und damit haben sie doch eigentlich Recht, oder nicht?
Autor / Quelle: Hartmut Schwaiger
Beitrag online bis 2.4.2006 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 6 (22.2.06 - 22.02.06 - ) / 1360 / 185
|