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Aus meiner Sicht
Frühlingsaufbruch
Heuer haben wir schon einen besonders langen Winter gehabt! Seit dem ersten Adventwochenende hatten wir eine durchgehende Schneedecke und entsprechende Temperaturen! Kein Wunder, dass wir uns alle nach dem Frühjahr gesehnt haben, nach Wärme, nach Sonne, nach Grün.
Frühling bedeutet ja Neuanfang. Im Jahreskreis der Natur ist das ganz klar: Mit dem ersten Sprossen beginnt das Leben einen neuen Kreislauf von Wachsen, Reifen, Ernten und Ruhen. Nicht umsonst war ursprünglich bei den Römern der Jahresbeginn im März. Die Monatsbezeichnungen September, Oktober, November und Dezember erinnern noch daran, benannt nämlich nach den römischen Zahlen: das siebente Monat, das achte, das neunte und schließlich das zehnte. Das bäuerliche Jahr beginnt auch im Frühjahr mit der Aussaat. Mit unserer Lebensenergie geht es ja ähnlich. Das Frühjahr bringt uns neue Kraft und Lebensfreude, von der wir über den Sommer in den Herbst hinein bis zum Winter zehren. Dann kommt wieder ein neuer Aufbruch mit längeren Tagen, mehr Sonne und frischer Energie. Und darauf freuen wir uns natürlich!
Aber seien wir ehrlich: So ganz schlecht sind der Herbst, der Winter ja wirklich nicht gewesen. Denken Sie doch an die schönen Tage, die uns der Herbst geschenkt hat, das Wanderwetter im September, Oktober. Denken wir an die schönen Wintertage im Dezember, im Jänner, im Februar. Das Schifahren, Eis laufen oder Rodeln, das uns der Winter ermöglichte. Die Zeiten sind längst vorbei, in denen die kalten Jahreszeiten die gefürchteten waren. Wir leben in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen, wenn sie will, jede Jahreszeit genießen kann.
Nein, das ist es nicht. Aber nach einer Zeit der Wärme und der bunten Farben, freuen wir uns auf das Weiß des Schnees. Und ebenso sehnen wir uns nach einigen Wochen der Kälte und des Schnees die warmen Strahlen der Frühlingssonne und das frischen Grün des sprossenden Grases herbei. Variatio delectat sagten schon die Römer, die Unterschiedlichkeit, die Vielfalt erfreut uns. Nun, so schön eine rote Rose auf einem hübsch gedeckten Tisch wirkt, wenn jahraus jahrein dieselbe Blume dort steht, sieht man sie nicht mehr. Und jeden Tag Wienerschnitzel als Mittagessen, auch wenn es hervorragend zubereitet ist, wird schon nach einigen Tagen zu Strafe. – Variatio delectat. Wir freuen uns über die Sonne, die Wärme, das Grün, nach einem langen Winter, den wir durchaus auch genossen haben. Am Karfreitag und am Ostersonntag wählen wir unseren neuen Pfarrer. Freuen wir uns über das Neue, das er bringen wird. Aber vergessen wir dabei nicht, dass das Alte ganz genau so seine Qualitäten hatte!
Autor / Quelle: Ernst M. Cordt
Beitrag online bis 13.4.2006 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 6 (20.3.06 - 20.03.06 - ) / 1386 / 187
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