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 © Helmut Meisl

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Eine Geschichte zum Vorlesen

Eines Morgens erwachte der liebe Gott aus dem Schlaf (ja, ja, auch der liebe Gott schläft ab und zu einmal!) und er fühlte sich wunderbar frischund munter. Draußen schien die Sonne, die Vögel zwitscherten, es warein traumhaft schöner Tag. Eigentlich könnte ich vor dem Frühstück ein wenig spazieren gehen, dachte der liebe Gott bei sich und machte sich auch gleich auf den Weg. (Vorher allerdings hatte er noch schnell einen Blick durch sein Guckloch zur Erde hinunter geworfen um sich zu vergewissern, dass soweit alles in Ordnung war.)
Leise ging er hinaus und schlug die Richtung über die saftigen, grünen Wiesen zum nahen Wald ein. Die Blumen auf den Feldern blühten und glitzerten dabei, weil einige Tautropfen der vergangenen Nacht noch auf den Blättern hingen und das Licht der Sonne spiegelten. Die ganze Wiese blitzte und blinkte, als hätte man sie extra für diesen Morgenspaziergang geschmückt. Schließlich erreichte er den Waldrand. Die Sonne schien durch die Bäume und warf lange Schatten, gleichzeitig hing noch
etwas Nebel im Wald und so hatte man den Eindruck, als ob tausende Lichtstrahlen einzeln vom Himmel zur Erde fallen würden und auf jedem dieser Lichtstrahlen könnte man , wenn man wollte, hinauf oder hinunter steigen wie auf einer Leiter.
Doch noch während der liebe Gott fasziniert von diesem Anblick andächtig da stand, drangen auf einmal ganz unverschämt laute, aufgeregte Stimmen an sein Ohr: „Du Dummkopf, wie kannst du nur ein Nest auf einem so dünnen Ast bauen! Der Ast wird brechen und dann fällst du mitsamt deiner Familie runter!“ „Ach was, Quatschkopf!“, entgegnete eine andere Stimme, „davon verstehst du nichts; Wenn ich das Nest auf einen zu dicken Ast baue, dann kommt die Katze ja sofort dran und klaut
mir meine Jungen aus dem Nest!“ Der liebe Gott horchte vorsichtig, aus welcher Richtung die Stimmen kamen und schlich sich leise näher. Da sah er, wie auf einem Baum zwei Spatzen saßen, die sich darüber stritten, wie man ein Nest richtig bauen müsse. Jeder der beiden hatte gute Argumente, dass das Nest entweder auf einen dickeren oder auf einen dünneren Ast gehörte, dass es höher oder weniger hoch sein müsse, oder auf welchen Baum es gehörte.
Plötzlich, mitten im Streit, sahen die beiden den lieben Gott, der mit einem feinem Lächeln unten stand und ihnen zuhörte. Sie flogen zu ihm hinunter: „Hey du, du kannst uns sicher helfen unseren Streit zu schlichten. Sag uns, wer von uns beiden Recht hat!“, forderten sie ihn auf. Der liebe Gott sagte vorsichtig: „Oh nein, das kann ich nicht. Wisst ihr, beim Nesterbauen kenne ich mich nicht aus und das, was ihr sagt, klingt alles recht vernünftig, aber...“ und jetzt schmunzelte er
ganz verschmitzt, „ich weiß einen uralten Trick, wie wir es herausfinden können.“ Er nahm einen dünnen Ast, der am Boden lag: „Wer von euch diesen Ast brechen kann, der hat Recht“, sagte er. Sofort stürzte sich der eine Spatz darauf und versuchte sein Glück, aber er konnte ihn nicht
brechen. Enttäuscht ließ er ihn fallen. Auch der andere Spatz probierte es mit aller Kraft, doch auch er schaffte es nicht. Da wollte der erste Spatz ihm den Ast aus dem Schnabel reißen. Für eine kurze Zeit hatten nun also beide Spatzen den verfl ixten Ast im Schnabel ... und da brach er wie von selbst. Verdutzt saßen die beiden da.
„Ich glaube, der Ast will euch sagen, dass ihr beide irgendwie Recht habt“, sagte da der liebe Gott, ließ die zwei verdutzten Spatzen stehen und ging fröhlich weiter.





Autor / Quelle: Hartmut Schwaiger

Beitrag online bis 30.8.2006 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 6 (23.7.06 - 23.07.06 - ) / 1476 / 184