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 © Helmut Meisl

 Gedanken zum Sonntag
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Die Zukunft ist mein Nachlass. Das Vermögen, das ich diesem und jenem hinterlasse, besteht aus dem Freiraum, den ich ihnen einräume, indem ich gehe.

Harold Brodkey in „Die Geschichte meines Todes“, Rowohlt. Brodkey starb 1996 im Alter von 66 Jahren an den Folgen von Aids.


Nach Emmaus

An jenem Tag erwachten die beiden Jünger in ihren eigenen Betten. Noch vor einigen Tagen war ihr Leben an die Grenze gekommen – und seit gestern hatte es sich ungeahnt geweitet. Die Jünger sahen sich um. Sie blickten in vertraute Gesichter. Ihr Wohnraum hatte sich keinen Deut verändert. Da wussten sie: Die Weite, die sie in Jesus erkannt hatten, mussten sie für ihr kleines Jetzt und Hier lebbar machen.

3. Sonntag der Osterzeit

13.04.2002: Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.

Mit dem Sehen ist das so eine Sache. Da sind zwei Männer unterwegs von Jerusalem nach Emmaus und erkennen nicht, wer mit ihnen geht. Eine rätselhafte Blindheit hat sie erfasst. Zwar sehen sie den Weg, auf dem sie gehen. Aber vor dem, was ihnen auf diesem Weg begegnet, scheinen sich ihre Augen zu verschließen. Ganz anders die Frauen am Grab: Ihre Augen sehen plötzlich mehr als das, was sonst real für möglich gehalten wird. Gerade dort am leeren Grab, dort, wo eigentlich nichts zu sehen ist, schwindet die Leere aus ihrem Blick. Von Erscheinungen ist die Rede. Engelserscheinungen mit der Botschaft vom Leben. Die einen sehen nicht, was konkret und vernehmbar ihren Weg kreuzt. Die anderen sehen, was eigentlich gar nicht da ist. Wer kann da seinen Augen noch trauen? Man muss seinen Augen wohl mehr zutrauen. Offenbar haben sie mehr „im Sinn“, als nur die rein optischen Funktionen der Bildbearbeitung. Die Frauen am Grab und die Männer unterwegs jedenfalls haben davon etwas erfahren. Was anfangs wie eine „optische Täuschung“ anmutet – unerklärlich, widernatürlich, rätselhaft – bekommt am Ende seinen Sinn. Warum sollte man von seinen Sinnesorganen nicht auch das erwarten?




Autor / Quelle: Susanne Brandt

Beitrag online bis 19.4.2002 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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