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1. Dezember 2006 - Agnes Primocic
Frau Primocic, geb. 30. Jänner 1905, lebt seit einigen Jahren im Seniorenheim der Stadt Hallein. Sie ist in Hallein sehr bekannt und genießt hohen Respekt für ihren Einsatz im politischen und sozialen Bereich ...
... als Gewerkschafterin und Betriebsrätin, als Widerstandskämpferin in der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus, später als Stadträtin in Hallein und für die KPÖ. Als Pensionistin war sie durch ihr Auftreten als „Zeitzeugin“ in Schulen und in der Öffentlichkeit bekannt, wo sie sich bemühte, die Erinnerung wachzuhalten und das politische Bewusstsein zu wecken.
Im Seniorenheim besuche ich sie öfter. Sie geht eisern mit ihrer Gehhilfe durch die Gänge, solange sie es kann, und wundert sich manchmal über ihre Mitbewohner: „Ich kann es nicht begreifen, wie die so viel Zeit mit Nichtstun und Kartenspielen verplempern - ich hätte so viel zu tun, dass ich damit gar nicht fertig werde.“ Sie liest sehr gerne, immer liegen Bücher und Broschüren in ihrem Zimmer. Sie bekommt grauen Star, und ist da ganz deprimiert: „Ich habe solche Angst, dass ich nichts mehr sehen, nicht mehr lesen und für mich nicht mehr selber sorgen kann!“ Eine Staroperation verläuft gut, aber die Sehkraft bleibt eingeschränkt. Sie kann immer nur ein paar Seiten lesen. Aber sie strickt viel: Socken und Fäustlinge für die Enkerl, und das geht ganz gut auch ohne genaues Hinschauen.
Ihr körperlicher Zustand ist für ihr hohes Alter ziemlich gut, wenn auch die Zeiten sich häufen, wo sie sich schlecht fühlt und Sauerstoff atmen muss.
Ich hätte es nicht vermutet und war erstaunt, als sie sagte: „Ich bin immer katholisch gewesen und habe es auch meiner Mutter versprochen, die Kirche nie zu verlassen.“ Sie hatte eher Angst gehabt, aus der Kirche ausgeschlossen, also „exkommuniziert“ zu werden: In den 1950er Jahren, unter Papst Pius XII, stand das für Kommunisten tatsächlich zur Diskussion. Hier kann ich sie beruhigen: Ab Papst Johannes XXIII und dem 2. Vatikanischen Konzil war davon nie mehr die Rede. Einmal ist sie bei einer Messfeier in der Kapelle des Seniorenheims dabei. Sie sagt nachher, wir sollen nicht böse sein - in diesen Raum kann sie nicht mehr kommen: er ist im Tiefgeschoß, mit nur wenig Fensterfläche, das bedrückt sie und erinnert sie an die Zeit, als sie im Gefängnis eingesperrt war. Sie braucht Licht, Luft und freien Raum. Sie findet es schade, dass die Kapelle nicht im Erdgeschoß ist, so dass sie dort mit dem Herrgott im Gebet reden kann. Sie hängt sehr an den alten Gebräuchen, wie es früher war, und kann sich an manche neuere Entwicklungen nicht mehr leicht gewöhnen.
Was sind ihre Hoffnungen und Wünsche?
Wo schon das alltägliche Leben so schwer und mühsam wird, hofft sie inständig, möglichst lang alleine zurechtkommen zu können. Ihr ist bewusst, dass sie im Seniorenheim so gut betreut wird, wie es nur möglich ist, das Personal aber bei der Zunahme an Pflegefällen zeitlich nicht unbegrenzt zur Verfügung steht.
Total lebendig wird Frau Primocic, wenn sie an ihre Wünsche für die Mitmenschen, für unsere Welt denkt: „Leute, macht die Augen auf! Interessiert euch, informiert euch! Schaut genau hin, wo es Entwicklungen gibt, die zu Unrecht und Gewalt führen können! Und steht nicht gleichgültig da, wenn es gefährliche Tendenzen gibt! Macht dann auch den Mund auf und tut etwas!“ Der beste Weg ist, sich zu interessieren und zu informieren: Dann kann man auch den anderen verstehen und anerkennen.
Autor / Quelle: Wilfried Kaaser - Pastoralassistent
Beitrag online bis 30.11.2006 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (30.11.06 - 02.12.06 - ) / 1590 / 365
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