Diese Seite als Druckausgabe
Einige der Mitarbeiterinnen des Huauses Mirjam - aus verständlichen Gründen wollen sie nicht namentlich angeführt werden.
|
3. Dezember 2006 - Die Frauen im Haus Mirjam
„I kann nimma! Is eh egal, wenn er mich nur endlich erschlagen würd, dann is es endlich vorbei! I hab sowieso ka Chance, nie g´habt!
Die Kinder dürfen mi so net sehen - i muss mir des Blut runterwaschen, das Gesicht - die Kinder erschrecken, wenn sie mi so sehen. I soll gehen, ihn endlich verlassen! - haben die Freundinnen schon vor langer Zeit g´meint - die haben leicht reden! Gehen? Wohin? Mit 3 kleinen Kindern? Wo soll i scho hingehen?“
Bei Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahbereich handelt es sich nicht um banale Familienstreitigkeiten, sondern oft um schwere Gewalttaten und lang andauernde psychische und physische Gewaltausübung. Ein typisches Merkmal von familiärer Gewalt ist deren Fortdauer über einen längeren Zeitraum. Man spricht von „Gewaltspirale“, wenn auf die Gewalt die Entschuldigung und wieder Gewalt folgt. Dieser Kreislauf wiederholt sich immer von Neuem, die zeitlichen Abstände werden kürzer, die Übergriffe massiver, die Konflikte häufiger und gefährlicher. Mit jedem Mal jedoch werden die Folgen für die Frau schlimmer, sowohl körperlich als auch psychisch und sozial. Gewaltopfer neigen dazu, sich zunehmend zu isolieren.
„Die Frau vom Frauenhaus, mit der i telefoniert hab, hat g´sagt, „nehmens ihre Kinder, ihre Dokumente und kommens - egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit“ Is des vielleicht mei einzige Chance?“
Der Schritt aus der Gewaltbeziehung ist immer ein Schritt ins Ungewisse und mit vielen Problemen und Ängsten verbunden, besonders dann, wenn eine Frau Kinder hat. Da sich Krisen und Notfälle nicht an Bürozeiten halten, ist Haus Mirjam rund um die Uhr von mindestens einer Mitarbeiterin besetzt. Im Dienst sind zwei Teams tätig: Das „Büroteam“ (Leiterin, Sozialarbeiterinnen, Kinderbetreuerin und Hausmanagerin), sowie das „24-StundenTeam“ (3 Psychologinnen, Lebens- und Sozialberaterin, Partner- und Familienberaterin).
„ Jetzt sind wir also da - im Frauenhaus. I sitz da in dem Zimmer, das mir gezeigt worden is, wo wir bleiben können. Eigentlich nett is es da - ein Stockbett für die Kleinen … ganz verschreckt waren´s, als wir angekommen sind. Die Frau, die uns die Tür geöffnet hat, hat uns Tee und den Kindern eine Jause gerichtet, dann sind wir im Spielzimmer zusammengesessen, während ich alles erzählen hab können…“
Im Frauenhaus wird auf Schutz und Sicherheit der jeweiligen Frau und ihrer Kinder geachtet. Frauen, die im Frauenhaus Zuflucht suchen, haben ein Schicksal gemeinsam: das Erleben von Abhängigkeit, Erniedrigung und Gewalt. Die Täter sind keine Unbekannten, sondern Menschen, denen sie häufig einmal in Liebe, Vertrauen und Zuneigung verbunden waren, von denen sie Schutz und Geborgenheit erhofften - Ehemänner, Freunde, Lebenspartner, Stiefväter, Väter… In den meisten Frauenhäusern richtet sich die Dauer des Aufenthalts danach, wie lange Frauen Schutz und Unterstützung brauchen. Manche Frauen bleiben nur ein paar Tage. Sie wollen Abstand gewinnen, sich über ihre Möglichkeiten informieren und dem Mann zeigen, dass sie die Gewalt nicht weiter hinnehmen. Andere Frauen bleiben länger und beschließen, sich von ihrem Partner zu trennen. In den meisten Fällen sind das Frauen, die bereits die Erfahrung gemacht haben, dass sich die Übergriffe wiederholen oder sogar noch massiver wurden.
„Wahnsinn, jetzt bin i schon 3 Tage da im Frauenhaus …nur schlafen kann i so schlecht. Sobald die Kleinen im Bett sind, fangen sich die Gedanken und Sorgen in meinem Kopf zu drehen an und i glaub dann fast, i werd´ verrückt - wenn nicht in der Nacht eine Mitarbeiterin da wär, die mit mir spricht, hätt i vielleicht eh schon durchdreht …“
Besonders in der Nacht treten Krisen und Ängste auf. Es kommt vor, dass die Verzweiflung der betroffenen Frauen so groß ist, dass sie nur mehr an Selbstmord denken können. In dieser Situation bekommen Frauen sehr viel Aufmerksamkeit und Zuwendung. Auch für die betroffenen Kinder ist die Flucht in ein Frauenhaus eine äußerst schwierige Situation: Sie müssen die gewohnte Umgebung verlassen, oftmals alles, was ihnen vertraut war. In Spielgruppen und Einzelberatungen erhalten sie Hilfe und Unterstützung. Einer der wichtigsten Grundsätze der Sozialarbeit im haus Mirjam ist die „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Frauen werden unterstützt, ihre Handlungsfähigkeit wiederzuerlangen und selbst Entscheidungen treffen zu können.
„I bin jetzt 3 Wochen da, oder vielmehr weg - aus meinem alten Leben. Kommt mir wie a Ewigkeit vor, gespickt mit Hürden - i kann nimma! Heut kann I mit einer Psychologin sprechen - das wünsch i mir, da geht´s um mi, und um mi mit den Kindern, a um meine Sorgen um sie…“
Frauen und ihre Kinder, die in ein Frauenhaus flüchten mussten, befinden sich in einer Phase der Neuorientierung. Der Weg zurück in ein Leben ohne Gewalt gestaltet sich für die Frauen schwierig. Probleme entstehen meist aus Angst, Verleugnung, finanzieller Abhängigkeit, Ohnmacht und auch immer wieder aus Schuldgefühlen. Der erste Schritt von vielen geht in eine unbekannte Richtung. Er führt hinaus aus der fremdbestimmten Gewaltsituation in ein ungewisses, aber selbstbestimmtes Leben. Für die juristischen Schritte (Scheidung, Obsorge, etc) gibt es die Unterstützung einer Rechtsanwältin, Psychosoziale Prozessbegleitung "nur" im Strafprozess und diese ist immer gekoppelt an juristische Prozessbegleitung.
„Wir ziehen aus! Nach 6 Monaten hier im Frauenhaus ziehen wir aus. Es ist auch Zeit. Wir müssen jetzt selber stehen, selber leben. Das hätt i nie gedacht von mir … i habs g´schafft. I weiß, dass i jederzeit wiederkommen kann. I will hier nie mehr wohnen - keine, die i getroffen hab, geht ins Frauenhaus, weil sie dringend dort leben will. Wir wollen endlich leben und gehen ins Frauenhaus, um es als Sprungbrett in ein selbstbestimmtes Leben zu nutzen. Und es sind viele Frauen da, um uns bei diesem Sprung zu helfen. Dafür bin i dankbar. Und stolz bin i auf mich!! Mich!!!
Ausschnitte aus der Präsentation des Hauses Mirjam am 24. 11. 2006 in der Alten Schmiede: 15 Jahre Frauenhaus Hallein -Haus Mirjam: „Nicht mehr und nicht weniger“
Autor / Quelle: Das Team vom Haus Mirjam
Beitrag online bis 1.12.2006 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (1.12.06 - 01.12.06 - ) / 1595 / 613
|