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 © Helmut Meisl

 Gedanken zum Fest
Diese Seite als Druckausgabe


DI Roman Anlanger




Die Bilder sind dem Buch "RAJASTHAN" von Roman Anlanger (Fotos) und Kurt Panzenberger (Aquarelle) entnommen (ISBN-3-9500383-0-2)

Weihnachten im indischen Straßengraben

Die Geschichte, sie liegt ca. 20 Jahre zurück, beginnt mit einem Hochstapler, hat eine Zwischenstation in Athen und endet schließlich in einem Straßengraben und Mausoleum in Delhi.

Die Ereignisse um und mit dem griechischen Hochstapler, auf den wir herein gefallen waren, seien weggelassen und ich beginne mit den Ereignissen in Athen.

Besagter Hochstapler hatte für meinen Sohn Norbert und mich „günstige" Tickets für einen Flug von Athen nach Delhi besorgt. Es war meine 3. oder 4. Indienreise und ich wollte Norbert einen Teil von Indien, u. a. auch Vadipatty wo die Halleiner Schule steht, zeigen. Als Reisezeit hatten wir die Zeit um Weihnachten gewählt. Schon beim Flug von Wien nach Athen gab es Schwierigkeiten, weil keine Tickets bei Olympic Airways hinterlegt waren, wie es unser Hochstapler, nennen wir ihn einfach Spiros, versprochen hatte. Das heißt, wir mussten die Tickets nach Athen in Wien kaufen. Jetzt war es schon gar nicht mehr so günstig. In Athen angekommen stellte sich heraus, dass eines der Tickets, Zufall oder Absicht, falsch ausgestellt war. Es war Sonntag vor Weihnachten und ein Umschreiben war an diesem Tag nicht möglich. Der offenen Plätze wegen, es war Hauptreisezeit, musste einer von uns sofort fliegen, der andere einen Tag später. So flog ich voraus und wollte auf Norbert warten.

Doch Norbert kam nicht. Ich pendelte ständig zwischen dem Hotel, dem Stadtbüro von Air India und dem Flughafen hin und her, um etwas über den Verbleib von Norbert zu erfahren. Ich bekam keine adäquaten Auskünfte, 2 Tage lang ging dieses Spiel. Beim Warten schlief ich an der Glasscheibe, von der aus man die Ankommenden sehen konnte, schon im Stehen ein. Für die ständigen Fahrten mietete ich eine Radrikscha. Der Fahrer machte mit mir das Geschäft des Jahres. Die Fahrten mit dem offenen Vehikel waren gar nicht so angenehm, denn es hatte nur um die 4°C.

Am heiligen Abend gelang mir eine telefonische Verbindung zu den Eltern des Hochstaplers, wo ich Norbert vermutete. „Papa", sagte er, „ich kann nicht kommen, in Athen streikt das Flughafenpersonal". Vor Wut und Enttäuschung habe ich zunächst einmal wie ein Schlosshund geheult, auch wenn Männer nicht heulen sollten, wie manche meinen.

In elendiglicher Stimmung ging es mit der Rikscha zum Hotel zurück. „Was geschieht hier", fragte ich, als wir bei einem hell erleuchteten, großen Zelt vorbei kamen. „Die Christen feiern Weihnachten", sagte mein Rikschafahrer. Ich ergriff die Gelegenheit und feierte in einer mir fremden Millionenstadt die Christmette mit. Ich fühlte mich plötzlich nicht mehr allein, sondern eingebunden in eine große Gemeinschaft, ich spürte den Atem der Weltkirche! Auch nach der Mette kamen Menschen und wünschten mir „Happy Christmas". Heute noch sind mir diese Gesichter in Erinnerung.

Unweit vom Hotel, es war schon nach Mitternacht, kam ich an einer nächtlichen „Jausenstation" - wir würden „Würstlstandl" sagen - vorbei. Auf einem kleinen surrenden Gaskocher wurde Eierspeise mit viel gehackter Zwiebel zubereitet. Diese „Küche" befand sich in einem erdigen trockenen Graben neben der Strasse. Rundum hockten im fahlen Licht frierend Rikschafahrer und andere dunkle Gestalten, zum Schutz gegen die Kälte in dreckige Tücher und Decken gehüllt. „Hier feiere ich nun Weihnachten", dachte ich mir. Aus dem Hotel holte ich Weihnachtskerzen und Kekse, die ich für den hl. Abend mit Norbert vorbereitet hatte. Am Rande des Straßengrabens stellte ich die Kerzlein auf, verteilte die Kekse und erklärte mein Tun. Ich weiß nicht, ob ich verstanden wurde, doch die Kekse schmeckten den Indern und die Eierspeise mit Zwiebeln, schmeckte mir! Nunmehr restlos müde, ging ich die 2 - 300 m zum Hotel. Plötzlich kam mir mein englisch sprechender Rikschafahrer nach und rief mir aufgeregt zu: „Einsteigen, einsteigen, man will ausrauben, will Fotoapparat haben". Und tatsächlich, es kamen schon 2 Kerle hinter ihm her. Man hatte mich bei der Weihnachtsfeier im Straßengraben observiert und wollte sich das „Weihnachtsgeschenk" sozusagen selbst abholen. Auf den Fotoapparat hatten sie es abgesehen. Mein guter Rikschafahrer, bei dem ich nicht um die letzte Rupie gefeilscht hatte, stand mir bei, beschützte mich, fühlte sich für mich als seinen Fahrgast verantwortlich. Toll, denn er hätte ja mit den anderen ein abgekartetes Spiel machen können. Doch aus meiner Indienerfahrung weiß ich, dass es so etwas wie Verantwortungsgefühl gegenüber dem Kunden gibt. Mit der Rikscha enteilten wir den Verfolgern. Es war natürlich selbstverständlich, dass dem Rikschafahrer nach dieser Rettungsaktion eine besondere Belohnung zustand!

Diese Grabengeschichte hatte aber noch eine Fortsetzung. Am selben Tag, es war Christtag, besichtigte ich am Nachmittag ein 500 Jahre altes Mausoleum aus der Mongolenzeit. Es ist dies ein Rundbau mit ca. 30 m im Durchmesser, dessen Kuppel noch heute im prächtigen Blau gleißende Keramiken aufweist. Ein hoher Würdenträger, Mogulberater, ließ sich hier bestatten. Wie ich durch eine der umlaufenden Arkadenbögen den Bau, in dessen Mitte der steinerne Sarg steht betrat, hörte ich ein Summen. In einer dunklen Nische brannte ein Gaskocher. Der ältere Wärter des Museums, der in diesem Bau auf einer harten Pritsche mit lumpigen Decken auch schläft, kochte sich Tee. Er erzählte mir seine Geschichte, warum er hier für geringstes Geld arbeite und seine Familie anderswo wohnen müsse. Gemeinsam schlürften wir eine schwarze Brühe, die Tee sein sollte. Plötzlich sprang er auf, umarmte mich und rief vielmals: „It is a happy day, it is Christmas day - es ist ein glücklicher Tag, es ist der Weihnachtstag". Diese Worte waren ein wunderbares Weihnachtsgeschenk! Dieser einfache Mann, ohne jeglichen Reichtum, der auf einer Pritsche die Nacht durchfriert, das Fest nicht mit seiner Familie feiern kann, keine teuren Geschenke bekommt, freute sich über Weihnachten und konnte diese Freude auch zeigen. Glücklich dieser Museumswärter und glücklich auch ich, nach dieser Begegnung.

Wie es weiter ging? Nun, den Hochstapler hatten wir auch geschafft. Ein Jahr später gab es doch noch eine spannende Indienreise mit Norbert, bei der wir uns bei nächtlichen Zugfahrten im Stehen die Zeit durch Kartenspielen verkürzten, wobei dem Gewinner jeweils ein kleiner Schluck aus der Whiskyflasche genehmigt wurde. Doch ein Weihnachtserlebnis wie das oben beschriebene gab es nie mehr.





Autor / Quelle: DI Roman Anlanger (Text und Fotos)

Beitrag online bis 31.1.2008 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (22.12.07 - 31.12.07 - ) / 1972 / 194