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 © Helmut Meisl

 Fastenaktion
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Prof. Mag. Peter Pröglhöf


57 interessierte Zuhörer kamen in die Bürgerspitalskirche


Kooperator Josef Pletzer im Gespräch mit Peter Pröglhöf

Herrschen wie Gott: merkwürdig unherrschaftlich

Die beiden Schöpfungserzählungen in der Bibel sagen uns, was es mit dem Menschen aus der Sicht des Glaubens an Gott auf sich hat. Warum die Unterschiede der Erzählungen keinen Widerspruch darstellen, das erörtere Mag. Peter Pröglhöf im Rahmen der Fastenaktion 2008.

Prof. Mag. Pröglhöf ist in der Halleiner Fastenaktion kein Unbekannter, bereits zweimal war er in der Aktion als Referent zu Gast und wusste stets die Zuhörer umfassend und verständlich anzusprechen.

Während Prof. Loader beim Eröffnungsvortrag ein grundlegendes Verständnis dafür eröffnete, was überhaupt Mythen sind und die Mythen der Urgeschichte der Bibel in ihren altorientalischen Zusammenhang einordnete, beleuchtete Dr. Gmainer-Pranzl am zweiten Abend naturwissenschaftliche Theorien als Hypothesen über die Ordnung der Welt einerseits und den biblischen Texten als religiösen Sinngebungsangeboten andererseits. Dr. Neumayer arbeitete im dritten Vortrag die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung herausund schuf so einen Zugang zum Thema von den heutigen praktischen Herausforderungen her.

Auf den vorhergehenden Abenden aufbauend versucht Peter Pröglhöf eine Antwort auf die Frage "Was ist denn eigentlich die Aufgabe des Menschen nach dem Verständnis der Bibel?" herauszuarbeiten. Die biblischen Aussagen über den Menschen mit den Fragen der Menschen in der Gegenwart zu konfrontieren, darum drehen sich die Ausführungen an diesem Abend. Zum Verständnis der Ausführungen sind die Themen der vorhergehenden Vorträge überaus hilfreich.

Pröglhöf betrachtet die biblischen Schöpfungserzählungen nicht als Texte, die im wissenschaftlichen Sinn genau erklären wollen, wie die Welt entstanden ist. Vielmehr deuten sie in dem, was sie erzählen, die Gegenwart. Sie machen Aussagen über die jetzt erfahrene Wirklichkeit. Am am Beispiel der Schöpfungsgeschichte aus Gen 1 wird erklärt, warum die Texte, die im babylonischen Exil entstanden sind, genauso geschrieben wurden. Es ging nicht nur um den Verlust der Heimat, sondern auch um die Beziehung zu Gott. Der erste Schöpfungstag beschreibt eine unerhörte Glaubensaussage: Gott hat all dem Schrecklichen (der "Finsternis") eine Grenze gesetzt: Die Finsternis wird begrenzt auf die Nacht, es folgt ihr der Tag mit dem von Gott geschaffenen Licht. Auch der zweite Schöpfungstag ist eine Zusage der Fürsorge Gottes gegen sein scheinbares Verschwunden-Sein: Die "Feste" (in der Luther-Übersetzung) bzw. das "Gewölbe" (in der Einheitsübersetzung) ist wie ein Schutzraum inmitten des bedrohlichen Tohu-wa-bohu; die Chaos-Wasser werden geteilt und begrenzt.

In diesen biblischen Texten redet der Autor derselben von keiner Hypothese darüber, wie die Welt entstanden ist, die solange gültige Theorie bleibt, bis sie durch eine bessere Theorie abgelöst wird. Das zu tun, ist Aufgabe der Naturwissenschaften.

Scheinbar im Widerspruch zur ersten Schöpfungserzählung steht die zweite in Genesis 2. Es ist schon merkwürdig, dass in der Überlieferungsgeschichte der Bibel nie der Versuch unternommen wurde, die beiden Geschichten zu einer einzigen zu verschmelzen. Wo eine der Erzählungen in einem theologischen System vernachlässigt wird, oder die beiden Erzählungen auf eine unsachgemäße Weise mit einander vermischt werden, kommt es zu einseitigen Aussagen, die interessanterweise oft dazu führen, dass der emanzipatorische Charakter der biblischen Botschaft verlassen wird und unterdrückerische, ja meistens frauenfeindliche Tendenzen gefördert werden.

Die beiden Schöpfungserzählungen sagen uns, was es mit dem Menschen aus der Sicht des Glaubens an Gott auf sich hat. Wir brauchen sie beide, dürfen keine davon vernachlässigen, dürfen sie aber auch nicht unsachgemäß vermischen.

Im zweiten Teil seines Vortrages geht Pröglhöf der Frage der Gottebenbildlichkeit nach. Was bedeutet das Zitat "Zum Bilde Gottes geschaffen"? Viele Deutungen dieses Texte gab es in den vielen Jahren seit dem Entstehen dieses Textes. Das Kennzeichen des Menschen, Bild Gottes zu sein, besteht in der Aufgabe, zu herrschen; das hören wir heute mit gemischten Gefühlen. Führte nicht gerade der Auftrag, über die Tiere zu herrschen und sich die Erde untertan zu machen, in die Irrwege der Umweltzerstörung und Ausbeutung der Erde? Andere Religionen, in denen das Verhältnis zwischen Mensch und Natur anders bestimmt wird, zB. wenn der Mensch in den Kreislauf der Wiedergeburten hineingenommen wird und sich damit mit den Tieren verbunden weiß, haben niemals dieses ausbeuterische Verhalten erzeugt wie die westliche Zivilisation. Allerdings wurde die Herrschaft des Menschen über die Tiere bzw. die Erde wohl auch falsch ausgelegt und ist ein genaues Hinschauen nötig, was im Text eigentlich gemeint ist.

Eine genauere Auseinandersetzung dieser Texte lässt eine Legitimation des Menschen zur Ausbeutung der Erde aus der Schöpfungserzählung nicht ableiten. Die aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen folgende Herrschaft über die Tiere und die Erde insgesamt muss daher eine andere Bedeutung haben. Diese wird an jener Stelle des AT deutlich, wo es um die Herrschaft guter Könige geht, die zu Frieden und Gerechtigkeit führt oder um die Herrschaft brutaler Herrscher, die zu Ende gehen wird.

Von der "Humanisierung" der Königsideologie (nicht nur der König ist Gottes Ebenbild, sondern jeder Mensch) lässt sich über die Jahrtausende hinweg eine Linie ziehen bis zum heutigen Verständnis von den Allgemeinen Menschenrechten. Der Mensch hat eine unverlierbare Würde. Gerade auch der Mensch, der kein König ist in dieser Welt, trägt eine Krone, die ihm nicht genommen werden kann. Das hat alle nur denkbaren Folgen, die wir heute sehen, die das AT natürlich noch nicht sehen konnte: Von der Ablehnung der Todesstrafe über die Forderung nach einem humanen Strafvollzug bis hin zur Ablehnung der Euthanasie, der aktiven Sterbehilfe und der Tötung des ungeborenen Lebens. D.h. Herrschaft kann immer nur Verantwortung für die Gestaltung der Welt im Sinne von Gerechtigkeit und Frieden für alle bedeuten.

Der Mensch wurde in der Schöpfungsgeschichte am 6. Tag erschaffen, zusammen mit dem Vieh, dem Gewürm und den Tieren des Feldes. Der Mensch ist nicht (!) die Krone der Schöpfung. Die Krone der Schöpfung ist der Sabbat, der "7. Tag". Was will uns diese Schöpfungserzählung sagen: So könnte die Welt sein, ein Ort des Lichts gegen die Finsternis, ein Ort der Geborgenheit gegen das Chaos, ein Ort des Lebens, der verantwortlich übernommenen Herrschaft zum Wohle der ganzen Kreatur, ein Ort der Ruhe und der Freude Gottes.

Was sich im Laufe von Jahrtausenden herausgebildet hat im Verständnis von "Ehe", was heute unter "christlicher Ehe" oder "Sakrament der Ehe" zusammengefasst wird, wurde zurückprojiziert in diese Jahrtausende alte Geschichte. Und damit wurde dieser Geschichte von der Erschaffung des Menschen eine Art Begründungsautorität für dieses Verständnis von Ehe verschafft, die aber in Wahrheit im Laufe der Jahrtausende mannigfachen Veränderungen, kulturellen Prägungen und gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen war und bis heute ist. Und indem man der Schöpfungsgeschichte diese Begründungsautorität verliehen hat, hat man gleichzeitig andere Lebensformen, wie zB. geichgeschlechtliche Partnerschaften, abgewertet.

Schliesslich geht es im dritten Teil des Vortrages um die Frage: Ist Gott das "Ebenbild des Menschen"? Gott ist nicht die Projektion des unvollkommenen Menschen, der sich ein vollkommenes Idealbild erfindet. Gott wird im Glauben erkannt im Gekreuzigten, im Ohnmächtigen, im getöteten Jesus von Nazareth. Für den Apostel Paulus ist Jesus Christus auf Grund seiner Auferweckung von den Toten der neue Adam, der dem alten Adam gegenübersteht, der eine, alle anderen umfassende Mensch der neuen Welt. Diesem neuen Menschen sollen auch wir, die wir an ihn glauben und vom Geist Gottes erfüllt sind, gleichgestaltet werden. Christus ist das Bild Gottes und der neue Mensch, der erste Mensch der neuen Schöpfung. Wir Menschen sollen ihm gleichgestaltet werden. Unsere Gottebenbildlichkeit bekommt an Christus eine neue Ausrichtung. Unsere Herrschaft über die Welt ist dann nicht mehr zu trennen von der Hingabe, von der Solidarität mit den Leidenden und Ohnmächtigen, die Jesus Christus als Bild Gottes und neuer Mensch verwirklicht hat.

Mit unserer Verantwortung für die Schöpfung sind wir in Wahrheit hineingenommen in die Liebesgeschichte Gottes mit der Welt. Als seine Ebenbilder sind wir sein Du, auf das er sich eingelassen hat. Als Menschen, die dem neuen Menschen Jesus Christus gleichgestaltet werden sollen, dürfen wir es wagen, zu herrschen wie er: merkwürdig unherrschaftlich.





Autor / Quelle: Zusammengefasst von Helmut Meisl

Beitrag online bis 31.12.2008 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (4.3.08 - 18.03.08 - ) / 2099 / 449