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 © Helmut Meisl

 Evangelische Gemeinde
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Fremdsein

05.07.2002: Wissen Sie, woher unser Wort „elend" stammt?

Es kommt vom mittelhochdeutschen „ellendi", was so viel wie „fremd" bedeutet. Der Fremde war der „Elende". Und jeder, der schon einmal längere Zeit im Ausland gelebt hat, wird auch bestätigen, dass man sich in der Fremde manchmal ganz schön elend fühlen kann: Man versteht kaum jemanden, wird selbst auch nicht
verstanden, kennt sich vielleicht noch nicht so gut aus und mit den Freunden ist's zumindest am Anfang auch nicht so toll bestellt. Wie wohl tut es dir da, wenn einer kommt, dich bei der Hand'nimmt und sagt: „Komm her, ich helfe dir!"

Wir leben heute in einem Vielvölkerstaat, der sich EU nennt. „Multikulturell" ist ein Modewort geworden und unsere Wirtschaft fordert immer mehr ausländische Arbeitskräfte. Und die kommen. Viele erkennt man schon von Weitem, weil sie einfach anders sind. Sie kennen sich nicht so gut aus, nicht nur was die Stadt betrifft, sie sprechen unsere Sprache fehlerhaft oder kaum und als Freunde haben sie nur ihresgleichen. Sie sind fremd.

Manche fallen schon durch ihre Kleidung auf. Die Frauen tragen häufig ein Kopftuch, so oder so gewickelt, die Männer Anzüge, die nicht unserem Modetrend entsprechen. Nach Feierabend treffen sie sich in ihren Klubs oder stehen in Gruppen auf den Plätzen der Altstadt herum. Und wir betrachten sie mit scheelen Augen, schauen von oben auf sie herab und machen sie gerne zum Sündenbock für unsere Arbeitslosenrate und die wirtschaftlichen Probleme.

Ich habe in verschiedenen fremden Ländern gelebt und eine interessante Erfahrung gemacht: Ganz unbewusst bin ich dort sehr rasch in die fremde Gesellschaft hineingewachsen, wo man mich an der Hand genommen hat, um mir zu helfen. Aber dort, wo man mir mit Skepsis und Ablehnung begegnet ist, da bin ich fremd geblieben, betont österreichisch aufgetreten. Die kulturelle Identität ist fast wie ein vertrauter Mantel. Man trägt ihn besonders in der Fremde, denn er gibt einem Sicherheit und Wärme. Und die anderen erkennen schon von Weitem daran den Fremden. Ablegen wird man ihn erst, wenn einem warm ist, wenn man ein gewisses Gefühl der Sicherheit hat. So oft hört man sagen, dass die sich ja nicht anpassen wollen. Aber seien wir doch einmal ganz ehrlich: Geben wir ihnen ü-berhaupt eine Chance dazu? Vielleicht liegt es doch auch ein wenig an uns, dafür zu sorgen, dass die Fremden nicht auch die „Elenden" sind.





Autor / Quelle: Ernst M. Cordt

Beitrag online bis 30.9.2002 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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