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Weit draußen, wo die unbekannten Tiefen lauern, kreuzen die bunten Segel meiner Sehnsucht. (Emmerich Lang)
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Tage im Delta des Ayeyarwadi
Ein Reisebericht von Roman Anlanger, dem Leiter des Arbeitskreises "Wir in der EINEN Welt" läßt ungewohnte Blicke in ein fernes Land und deren Nöte zu.
Noch seiner 6. Burmareise mit einer sehr angenehmen Gruppe ist Roman Anlanger wieder gut in Österreich angekommen. Nach dem Abreisen der Gruppe war er noch einige Tage im Delta des Ayeyarwadi. Der Ayeyarwadi ist der größte Fluss von Burma. Das Delta hat eine Ausdehnung von 55.000 km² und schiebt sich jeden Tag 16 cm weiter in das Meer vor. Von den Tagen im Delta hat er diesen Bericht verfasst. Diesen Bericht hatte Anlanger zunächst allen jenen ehemaligen Burmareisenden versprochen, die seinerzeit geholfen haben, als der schreckliche Zyklon Nargis am 2. Mai 2008 im Delta einen Tribut von ca. 100.000 Toten forderte. Roman Anlanger hofft aber, dass dieser Bericht auch für die Besucher der Homepage nicht uninteressant ist.
Sonntag 1. Februar 2009 Pünktlich um 18h30 kommt im Hotel „Pan Thalin Guest Houese“, so wie versprochen, der elektrische Strom. Doch die Freude ist gering, denn das dröhnende Stromaggregat befindet sich unmittelbar vor meinem Fenster. Das Hotel in der Deltastadt Bogolay ist sehr einfach, aber sauber. Im Vergleich zu den Behausungen der Fischer und Bauern in den Dörfern jedoch ein 6* Hotel. Allein die Tatsache, dass es hier fließendes Wasser gibt, wenn auch nur kaltes, ist ein unbeschreibbarer Luxus gegenüber der Wasserversorgung in den Hütten abseits der Stadt. Wie wenn man Mayonnaise aus einer Tube drückt, so pressen sich die Menschen aus der angekommenen Fähre, die uns am Morgen nach Dala, auf der anderen Seite des Yangonflusses bringt. Dort wird ein Taxi angemietet. Kat 45.000 (ca. US$ 45,00) für ca. 130 km von Dala nach Bogolay. 3h braucht er sagt der Fahrer, nachdem er vor Fahrtantritt den Kopfe über das Lenkrad gebeugt, noch intensiv gebetet hat. Ich glaube, dass uns dieses Beten auf der Fahrt mit einem Verrückten das Leben rettet. Wir fliegen nur von Schlagloch zu Schlagloch, bei Gegenverkehr wird ohne die Geschwindigkeit zu reduzieren auf das Bankett ausgewichen. In wahrer Formel 1 Technik werden um andere Verkehrsteilnehmer beängstigend die Haken geschlagen, nahezu ohne Sicht wird im Staub der vor uns fahrenden Fahrzeuge das Überholen erkämpft, wobei durch den Staub die Schlaglöcher nicht mehr sichtbar, aber um so spürbarer sind. Kein Wunder, dass bei einem Rechtsüberholmanöver ein Motorradfahrer gerammt wird, der mit seinem Fahrzeug ca. 2 m versetzt wird, bevor er sich vor einem Sturz gerade noch retten kann. Ein kurzer Blick auf das Motorrad, das offensichtlich keinen größeren Schaden davon getragen hat und schon rast er weiter. Interventionen von Nan meiner Führerin langsamer zu fahren, fruchten nicht. Während der gesamten Fahrt verkeile ich mich mit meinen Knien links und rechts, um nicht hin und her zu fliegen. Ich getraue mich keine Sekunde zu schlafen. Auch wage ich nicht, um einen gelegentlichen Fotostop zu bitten, da ich fürchte, dass er nachher die verlorene Zeit durch noch schnelleres Fahren wieder herein bringen will. Nicht nur ich, auch Nan und ihr Mann Kosai fürchten sich. Dafür gibt es einen neuen Streckenrekord, nur 2h 40 Minuten. Statt der angegebenen 3h. Das entspricht einem Durchschnitt von 49 km/h, das ist wahnsinnig hoch für den vorgefundenen Straßenzustand. Es hat deutlich über 30°C Lufttemperatur und die Mittagspause von 13 – 15h tut unbeschreiblich gut. Beim Schreiben des Tagebuches um 19h hat es noch 29°C im Zimmer. Nach der Mittagspause geht es zunächst mit dem Moped zu einem Verwaltungszentrun einer privaten, burmesischen Hilfsorganisation, mit dem Namen „MOBILE COMPASSIONATE VOLUNTEER GROUP - kurz MCVG“, die angeblich auch viel Geld aus Thailand erhalten haben soll. Vor einer großen Deltakarte erzählen die Mädchen die in diesem Zentrum arbeiten, einiges über den Zyklon Nargis. Die Flutwelle die über einen Arm des Ayeyarwadi herauf kam, habe hier in ca. 60 km Entfernung zum Meer noch eine Höhe von mindestens 4 Metern gehabt. Am späten Nachmittag des 2. Mai 2008 habe der Sturm begonnen. In der Nacht kamen gewaltige Regenüsse dazu. Die Flutwelle kam um Mitternacht. Es war stockdunkel und man konnte sich nicht orientieren. Die überraschten Menschen, so ferne sie die hereingebrochene Flutwelle überlebten, konnten keine rettenden Palmen oder eine höher gelegene Stelle finden, wobei diese im absolut flachen Delta ohnehin rar sind. Die Einwohner ganzer Dörfer starben. Die im Bereich der Flutwelle Überlebenden hatten ihre Rettung eher einem Zufall zu verdanken. Bis gegen 6h am Morgen stand das Wasser in den Dörfern und auf den Feldern. Nach dem Zurückweichen der Wassermassen gab es kein Trinkwasser mehr. Teiche, Seen aus denen man das Trinkwasser holte, waren mit Meerwasser gefüllt. In den ersten Tagen rettete die Milch der Kokosnüsse vor dem Verdursten. Dann begann man irgendwie Regenwasser zu sammeln , es war ja Regenzeit, bis die Versorgung mit Trinkwasser anlief. In manchen Gebieten wurden die Dörfer bis vor 2 Monaten mit Wasser aus anderen Gebieten versorgt. In weiterer Folge begann man die Teiche auszupumpen, die sich dann relativ rasch wieder mit trinkbarem Wasser füllten, es war ja Regenzeit. Nach der Sturmflut trieben die Toten im Wasser, lagen in den Dörfern und auf den Feldern. An manschen Flussstellen hatte es die Toten von weit her wie Treibgut zusammen getrieben. Dort wo man die Toten fand, dort wurden sie auch eingegraben. Die toten Tiere, es wurde der gesamte Viehbestand (Wasserbüffel, Ochsen, Schweine, Enten, Hühner usw.) vernichtet, lagen ebenso herum, wie die toten Menschen. Auch sie mussten eingegraben werden, um Seuchen zu verhindern, was auch gelang. Durchfallerkrankungen stellten sich erst dann ein, als man die externe Wasserversorgung in den Dörfern ab zu setzen begann und man sich wieder mit dem lokalen Wasser versorgte. Man befürchtete, dass die Bestellung der Reisfelder wegen Versalzung nicht möglich sei. Durch die Wirkung von Ebbe und Flut war schon immer salziges Wasser in den Flüssen. So waren die Reissorten durch die Bewässerung mit dem Flusswasser salziges Wasser gewohnt, sodass bereits die erste Ernte erstaunlich gut ausfiel. Zusätzlich wurden Sorten gepflanzt, die für Salzwasser geeignet waren. Hier war der Ertrag jedoch nur bei 50%, da die Bauern die für diese Sorten notwendige Technik nicht beherrschten. Um die Anforderungen der Behörde, die meine Einreise in das Delta genehmigt hatten, zu erfüllen, wurde hier bei MCVG ein Betrag von $ 100,00 für deren Projekte gespendet. Nach der Besprechung bei MCVG wurden wir in ein Straßendorf geführt, das nach dem Nargis auf ungenützten Gründen der Stadt Bogolay neben diversen Wasserflächen entstanden war. Viele Leute aus den betroffenen Gebieten wollten nicht mehr in ihre Dörfer zurück, wo viele gestorben waren, ließen sich hier nieder und bauten Hunderte, einfache auf Stelzen stehende Häuschen, oft nur aus unbeständigen Plastikfolien bestehend. Das Problem dieser Leute ist jedoch, sie haben hier nahezu keine Arbeit. Die Wege zu abseits stehenden Hütten schuf man dadurch, dass man mit Händen den Schlamm aus den Wasserflächen heraus hob bis man ca. 1m breite Gehstreifen geschaffen hatte. Auch wie wir dort waren standen Kinder und Männer im Wasser und hoben den Schlamm heraus um die Gehdämme zu erhöhen. In der Regenzeit werden diese Wege mit halben Kokosnussschalen ausgelegt, damit man nicht einsinkt. Das Wasser zum Waschen holt man aus den umliegenden Tümpeln, das Trinkwasser wird mittels Kanistern von der Strasse in die Häuser getragen. Die Träger, die mit einer über die Schulter gelegten Stange jeweils 2 Kanister transportieren, müssen richtige Gleichgewichtskünstler sein, denn zu manchen Hütten führt nur ein Baumstamm ohne Geländer. Einige der ca. 3x4 m großen Hütten haben WC-Häuschen, gebaut mit Fertigelementen. Über ein speziell geformtes Rohr werden die Exkremente in ein ausgehobenes Loch geleitet, das mit Stroh abgedeckt ist. Ein System, ähnlich unseren Klärgruben. Man hat im Deltagebiet nun auch mit Brunnenbohrungen begonnen, die jedoch 40 – 100 m tief sein müssen, bis man auf brauchbares Trinkwasser stoßt. Bei einem Großteil der Häuser befinden sich rot-weiß gestrichene Stangen mit einem Haken an der Spitze. Sie dienen dazu Brände bekämpfen zu können, wobei meines Erachtens die Funktion nur darin bestehen kann, dass man brennende Hütten auseinander reißt, oder Hütten einfach mit den Haken abreist um ein Übergreifen des Feuers auf weitere Hütten zu vermeiden. Ein Witz sind jedenfalls die Plastiksackerln mit ca. 1 Liter Inhalt; die man an manchen Stellen zur Brandbekämpfung aufgehängt hat. Neben der Siedlung der Zugewanderten konnten wir auch eine Bootswerft besichtigen, wo ca. 6 m lange und ca. 1m breite Ruderboote mit einfachstem Werkzeug in Handarbeit herstellt werden. 40 Arbeiter schaffen ca. 25 Boote je Woche, die je nach Größe zwischen $ 80 und 160, also € 55 und € 110 ! kosten. Völlig ausgetrocknet kommen wir nach Bogolay-Stadt mit Kleinmotorrädern zurück. Wir finden ein Bierpub, wo es auch offenes Bier gibt und stürzen 2 Gläser, die hier 0,4 l haben, nur so hinunter. Hier essen wir auch zu Abend und erleben eine bei uns undenkbare Gasthausatmosphäre. Obwohl es ein Speiselokal ist, wir sitzen im Freien, spazieren um die Tische die Verkäufer von Wachteleiern, gebratenen Ententeilen, Erdnüssen usw. Ein Motorradfahrer fährt jemanden suchend durch das Lokal. Ein übermüdeter junger Kellner, es ist derzeit ein großes Hindufest in der Stadt, schläft auf einem Sessel ein. Bogolay – eine multikulturelle Stadt. In einer Entfernung von wenigen Metern befinden sich eine Pagode, eine Moschee und ein Hindutempel. Das derzeit laufende Hindufest, zu dem viele Teilnehmer aus Yangon gekommen sind, verwandelt die Strassen ein eine Lärmhölle. Es sind nicht nur die Lautsprecher einer „Opernaufführung“, sondern auch die zahlreichen Stromgeneratoren, die die Imbissbuden, am Boden sitzenden Verkäufer von allem möglichen Krimskrams, die Schausteller usw. mit Strom versorgen. Ich beobachte wie das Seitenrad einer Rikscha in ein Loch fährt und wie erwartet im Zeitlupentempo um fällt. Dabei wird Nan auch gestreift, aber nicht ernstlich verletzt.

Montag 2. Februar 2009 Nach einer ½ stündigen Fahrt mit einem bequemen Boot der MCVG, es hat 2 nebeneinander liegende Sitze und einen Sonnenschutz, erreichen wir ein von dieser Organisation betreutes Dorf mit dem Namen „Tha Tay Gone Village“. In diesem dem Meer etwas weiter entfernten Dorf als Bogolay, hat es nicht so viele Tote gegeben, wie im Dorf bei Bogolay. In der Stadt Bogolay selbst, die vom Fluss gut 1 km entfernt ist, hat es keine Toten mehr gegeben, obwohl auch hier das Wasser, aber nicht mit der elementaren Wucht und der Höhe gekommen ist. Das Dorf mit ca. 400 Bewohnern, Bauern und Fischern hat eine Grundschule. Die 70 Kinder sitzen auf dem erdigen Boden. Bänke und Tische sind nicht vorhanden. Das Dach ist äußerst schadhaft und durch eine Plane abgedeckt. Auch die aus Bambusmatten bestehenden Wände sind mehr als sanierungsbedürftig. Die Organisation MCVG erklärt sich bereit, die Beschaffung der benötigten Bänke und Schultische, sowie die Sanierung des Gebäudes zu übernehmen. Nan übergibt 100.000 Kats (€ 70,00) sozusagen als Anzahlung. Eine Bank mit Tisch für 4 Kinder kostet ca. 14 Euro. Der Rest des benötigten Gesamtbetrages von ca. 600.000 Kats, wird erst nach Erledigung der Arbeiten, bzw. Lieferung der Schulmöbel! übergeben. Im Dorf beobachte ich immer wieder eine Frau mit einem sehr interessanten, streng geschnittenen Gesicht, die ihrerseits unsere Verhandlungen beobachtet. Sie ladet mich in ihr Haus ein, wahrscheinlich, weil es einen für dieses Gebiet enormen Standard hat. Man kann in der Hütte aufrecht stehen und der Wohnteil ist vom Schlafteil durch Bambusmatten getrennt. Es gibt auch einige, einfache Möbelstücke, die hier sicherlich einen Luxus darstellen, eine Art Radio und eine Kochnische mit offener Feuerstelle. Das Radio kann nur mit Batterien betrieben werden, denn die Dörfer im Delta haben alle keinen Stromanschluss. Ein zahnloser Alter ladet mich ein, eine Pagode in den grünen Reisfeldern zu besuchen, die einmal nicht weiß und golden ist, sondern aus grauen Steinen besteht. Das Trinkwasser für das Dorf wird auch hier mit Booten von weit her gebracht. Man bringt das Wasser in Blechkanistern von ca. 40 Litern, die dann von der Anlegestelle in die nahe gelegenen Häuser des Dorfes getragen werden müssen. So nebenbei – in Bogolay hat das Leitungswasser des Hotels, das einen eigenen Brunnen hat, einer starken Rotstich wegen der Eisenhaltigkeit des Wassers. Am Rückweg nach Bogolay reißt die Antriebskette vom Motor zur Schiffsschraube. Zum Glück fließt der Fluss sehr träge, denn es dauert ca. ½ Stunde bis die Kette notdürftig repariert ist. In dieser Zeit treiben wir mit dem Fluß. Ersatzkette ist natürlich keine vorhanden. Ebenso fehlen Ruder. Mit sehr reduzierter Geschwindigkeit erreichen wir nach der Notreparatur eine Landestelle der Linienschiffe, wo wir auf Mopeds umsteigen können, die uns in die Stadt zurück bringen. Um 15h, nach der ärgsten Mittagshitze starten wir zu 2 Dörfern mit den Namen „Ton Dorg“ (80 Kinder) und „Myit Dan Torg“ 50 Kinder) die uns ein Verwandter von Nan, der in Bogolay wohnt vermittelt. Für die Schifffahrt und den Besuch der Dörfer gibt man uns einen Zeitrahmen von 3h an. Erst um 17h30 erreichen wir das 1. Dorf. Von der Anlegestelle sind es dann noch 15 Minuten Fußmarsch bis zur Schule. Nan und ich sind stocksauer, weil wir auf der Rückfahrt mit Sicherheit in die Dunkelheit geraten. Hier ist die Situation ähnlich, wie in dem am Vormittag besichtigtem Dorf, nur dass hier ein von Japan gesponsertes Gebäude aus Ziegelsteinen entsteht. Für die benötigen Einrichtungsgegenstände wie Tafeln, Bänke und Tische ist jedoch kein Geld vorhanden. Mir kommt vor, dass man in diesem Dorf noch nie einen weißen Europäer gesehen hat. Wenn ich die Leute mit dem überall verstandenen Gruß „Mingalabar“ grüße, so schaut man mich nur groß an und bei der Schule werden wir von zahlreichen, stumm herumstehende Männern wie exotische Tiere betrachtet. – Die Lichtverhältnisse sind nun auch schon so schlecht geworden, dass man kaum fotografieren kann. Macht aber nichts, denn ich kann ohnehin nur mehr 12 Bilder (Dias) machen. – das zweite ebenfalls vorgesehne Dorf wird wegen der späten Stunde nicht mehr besichtigt. Auf der Fahrt in das Dorf kommen wir auch an einem großen, ca. 20m langen Lastkahn vorbei, den Nargis so zerstört hatte, dass man ihn am Ufer liegen lies. Manche Linienschiffe sind bis heute, nachdem man sie gehoben hatte noch nicht repariert und warten in Yangon instand gesetzt zu werden. Die Rückfahrt in der Dunkelheit nach Bogolay ist ein Abenteuer. Bei Sonnenuntergang verlassen wir das Dorf und fahren zunächst längere Zeit durch einen Kanal mit 4-6 m Breite. Außer unserem Motorboot sind hier nur geruderte Boote unterwegs. Sogar ein mit Reis beladenes Boot von ca. 12x3 m wird gerudert. In den Booten sitzen alle am Boden. Mir hat man zum Glück einen ca. 30 cm hohen Plastikhocker zur Verfügung gestellt. In manchen Boote flackert ein Feuer, es wird gekocht. Männer und Frauen waschen sich intensivst auf Stegen, die in den Kanal hinaus gehen. Eine wunderschöne bronzen glänzende Haut haben diese Menschen. Man möchte am liebsten darüber streicheln. Die untergehende Sonne vor uns erreichen wir einen Arm des Ayeyarwadi, die hier meiner Schätzung nach mindestens 1 km breit ist. An sich eine romantische Stimmung. Doch ich habe ein wenig Sorge an die vor uns in der Dunkelheit liegende Rückfahrt. Zu Beginn kann man die Fischerboote und Lastkähne noch als Silhouetten erkennen, doch dann wird es eine Fahrt nahezu ins Ungewisse. Die uns entgegen kommenden Linienschiffe haben eine matte Befeuerung, alle anderen, auch wir, sind ohne Positionslichter unterwegs. Rundum an den Ufern ist alles dunkel. Keinerlei Lichter einer Siedlung sind zu erkennen. Wenn hier etwas passieren sollte hat man keine Ahnung wohin man schwimmen soll, denn vom Wasser aus wird man kaum die Ufer erkennen. Außerdem sind die Ufer so dicht mit Wasserpalmen und Unterholz verwachsen, dass man in der Nacht die wenigen Stellen, an denen man an Land gehen kann, kaum findet. Zur Nachtfahrt kommt noch etwas dazu. Am Tag schon musste das Boot ständig Feldern von Wasserhyazinthen und Treibholz ausweichen. In der Nacht nun sieht man weder die großflächig wuchernden Pflanzen die die Schiffsschraube blockieren, noch das Treibholz, das die Schraube beschädigen kann. Und dann? Dann ist man Treibgut auf den Ayeyarwadi. Nan hat eine kleine Taschenlampe mit, mit der sie ab und zu Lichtsignale gibt. Zum Glück, denn plötzlich steht vor uns ein riesiger Lastkahn, der nun einen kleinen, matten Scheinwerfer einschaltet. Endlich tauchen am Ufer einzelne Lichter auf. Nur mit dem Hemd bekleidet wird es nun im Fahrtwind auch schon ziemlich kühl. Es dauert aber noch 1h bis wir Bogolay erreichen. Da kommt das nächste Problem – über eine 20 cm breite, 5 m lange Latte müssen wir an Land gehen. Haben uns heute die guten Nats des Ahnenaltars beschützt, vor dem ich heute am Morgen in der Hotelhalle stand? Trotz aller Widrigkeiten das Nachmittags sollen auch die Dörfer „Ton Dorg“ und „Myit Dan Torg“ Bänke und Tische für die Schulen bekommen. Auch hier gibt Nan ihrem Verwandten nur eine Anzahlung, den Rest erst nach Lieferung. So wie gestern empfinden wir unser sehr einfaches Hotel als Luxusbleibe, wie wir zurück kommen. Die Dörfer, die wir heute besucht haben, haben praktisch keine Infrastruktur. Sie haben keinen Strom, kein Trinkwasser im Ort, fallweise nur WCs, keine Kaufläden, keine Handwerker und eine minimale ärztliche Versorgung, sprich kleine Sanitätsstationen.
Dienstag 3. Februar 2009 Erst um 8h brechen wir nach einer wunderbar erholsamen Nacht zur Rückfahrt nach Yangon auf. Am Abend dröhnte kein Generator vor dem Fenster. Es ist herrlich kühl mit 27°C um 7h. Erstaunlich, wie schnell sich der Körper umstellt, sodass man 27°C als kühl empfindet. Dusche mit kaltem Wasser, das eigentlich nur frisch ist, weckt so richtig auf. Das gestrige Gehen hat meinen geschwollenen Füßen auch gut getan, das Geschwollene ist nahezu verschwunden. In einem Strassenlokal bekomme ich zum Frühstück eine dicke Nudelsuppe mit Gemüse, Seafood, u.a.Shrimps, Chicken, Chillischoten und diversem, was ich nicht beschreiben kann. Nan meint, dass der übliche Tourist diese Speise nicht vertragen würde, weil hier im Essen viel Soja, Knoblauch, Chilli und andere Gewürze sind. Die relativ vielen Gäste am Morgen erklärt Nan damit, dass es zuhause schwierig sei, so eine Suppe, wie man sie hier erhält zu kochen, da man dazu sehr viele Zutaten braucht. An den offenen Durchbrüchen ins Lokal hinein hängen als Service des Hauses Feuerzeuge, an denen sich die Raucher ihre einzeln gekauften Zigaretten anzünden. Wieder ein erlebnisreicher Tag, auch wenn es nur die Rückfahrt nach Yangon ist. Bei der Rückfahrt ist die Strasse viel besser, als bei der Hinfahrt. Dies liegt vor allem daran, dass der Fahrer nun 3 ½ Stunden braucht, im Gegensatz zur Hinfahrt mit 2 ¾ Stunden. Aber wir fliegen nun auch nicht von Schlagloch zu Schlagloch wie mit dem Verrückten bei der Hinfahrt. Eine traumhafte Fahrt am kühlen Morgen! Kilometer um Kilometer führt die Straße durch saftig grüne Reisfelder, die zwischen ausgedehnten Beständen von Kokosnußpalmen liegen, vorbei an grauen, auf Stelzen stehenden, meist mit Palmenblättern gedeckten Hütten. Tausende von Enten in den Wasserläufen vor den Hütten ergänzen das idyllische Landschaftsbild. Zahlreiche abgedeckte Haufen von 2x1x1,5 m erwecken mein Interesse. Es ist Düngemittel für die Felder, es sind Wasserhyazihnten, es ist Wassergras, das man mit der Hand heraus gehoben hat und das nun zu Dünger. Mit der Hand, bis zu den Hüften im Wasser stehend, hebt man auch den Schlick aus den Kanälen, um damit einzelne Teiche für die Entenzucht ab zu grenzen, die in der Nähe zu Bogolay einen nicht unerheblichen Erwerbszweig dar stellt. Gefüttert werden diese Enten vor allem mit den pulverförmigen Resten, die bei der Reisverarbeitung anfallen. Lustig sind auch die auf Stelzen stehenden Ställe, rundum freien Hütten, in denen Hühner für die Eierhaltung oder Fleischgewinnung gehalten werden. Lt. Nan gab es seinerzeit nur einzelne Fälle von Vogelgrippe an der Grenze zu Thailand. Eine idyllische Landschaft mit glänzenden, glasierten Vorratsbehältern aus Ton und Reistrohhaufen neben den Hütten zur Verfütterung. Wasserbüffel aalen sich in Tümpeln, schwarze Schweine laufen über die Strasse. Kleine golden goldfarbenen gestrichene Pagoden mit weißen Umfassungsmauern runden das Bild der Idylle ab. Immer wieder werfen riesige Lautsprecher an Sammelstellen Segenssprüche tagaus, tagein in die Landschaft und Transparente sind über die Strassen gespannt. Man sammelt für neue Pagoden. Auch der Verkehr, die Fahrzeuge, die Strassen sind durchaus einer Betrachtung wert. Immer wieder stehen auf der Strecke Fahrzeuge mit nur 3 Rädern und ohne Fahrer. D.h., dass das Rad einen Defekt, wahrscheinlich einen Patschen bekommen hat. Mangels eines Ersatzrades wird das Fahrzeug aufgebockt, das Rad abmontiert, zur Reparatur gebracht und dann kommt man zurück und baut es wieder ein. Die Rikschafahrer befördern nicht nur Menschen, sondern Waren aller Art. Dachblechplatten, Baumaterial, Reissäcke, Hühnersteigen, Getriebe, Bootsmotoren usw. Bei den ramponierten Autobussen, mitunter ohne Windschutzscheibe, hängen die Menschen wie Trauben an den Einstiegen, bzw. sitzen auf den am Dach angebrachten Lasten. Den Vogel schießen jedoch kleine jeepähnliche, für den Personentransport bestimmte Fahrzeuge ab. Das hinten eine Menschentraube heraus hängt, ist nichts außergewöhnliches. Auch auf dem Dach sind Säcke und Menschen. Doch der Höhepunkt! Auf einem Ausleger vor dem Motor und auf der Motorhaube sind nicht nur Säcke festgeschnallt, sondern auf den Säcken sitzen auch noch 4-6 Menschen! Ich weiß gar nicht, wie der Fahrer die Strasse sehen kann und wie sich die Passgiere hier festhalten können, was beim Bremsen geschieht. Eines sei aber fest gehalten. In den 23 Tagen Burma habe ich keinen einzigen Verkehrsunfall gesehen. Sämtliche Strassenreperaturen werden von Hand gemacht. Die Steine werden von Hand auf die erforderliche Größe zerklopft und die mit Teer vermengten Steine werden von Hand in die Schlaglöcher ein gebracht. Unsere Arbeitsinspektoren hätten hier ihre Freude. Man kann fast nicht glauben, dass über diese Landschaft vor 10 Monaten ein Zyklon hinweg fegte, der Zehntausenden das Leben kostete, bei dem Zehntausende all ihr Hab und Gut verloren haben. Doch dann fährt man wieder durch einen Landstrich, wo es keine Hütten an den Kanälen, am Straßenrand gibt, wo die Felder nicht bebaut sind. Hier hatte nicht nur der Zyklon gewütet, sondern die Flutwelle hat auch alles ausradiert. Zu einer Wiederbesiedelung ist es hier, wo anstelle der grünen Reisfelder nur verdorrte Stoppelfelder zu sehen sind, bis jetzt nicht gekommen. 10 Tage lang war dieses Gebiet wegen Unpassierbarkeit gesperrt. Noch einmal geht es mit der Fähre über den Yangonfluss zur Yangon City und zurück in unsere Zivilisation. Bevor mich Nan und ihr Mann für den Rest des Tages alleine lassen, fragt mich Nan noch einmal, wann ich wieder zum Friseur gehe und warum ich nicht in Burma einen Friseur aufgesucht habe. In einem nahe gelegenen Supermarkt erwerbe ich noch einen Schluck Whisky für den Abend und in einem Gartenrestaurant lasse ich mich beim Abendessen noch von Moskitos quälen. Die ersten Stiche, die ich auf dieser Reise erhalte.
Mittwoch 4. Februar 2009 Abschied von Burma. Wie sagt Nan, die mich mit Kosai zum Flughafen begleiten immer: „Alles sein ist ein werden und vergehen“. Wie recht sie hat. Ohne mit der Wimper zu zucken, checkt man mein Gepäck mit 28 kg ein. Mit einer leichten Schlaftablette schlafe ich auf dem 12-stündigen Langstreckenflug von Bangkok nach Yangon so gut, dass man mich in Frankfurt aufwecken muss. Als man mir bei der Sicherheitskontrolle für den Flug nach Salzburg ein Sonnenschutzmittel abnimmt, weil es 200 ml statt der erlaubten 100 ml hat, werde ich ziemlich bös, weiß aber, dass ich wieder aus der Freiheit des Reisens in den Alltag zurück gekehrt bin. Mitunter stellt man mir die Frage, warum ich solche Hilfsaktionen, wie die im Delta starte, warum ich dies mache. Ich möchte den Fragenden mit einer Gegenfrage antworten: „Warum tust du es nicht?“
Autor / Quelle: DI Roman Anlanger (Text und Fotos)
Beitrag online bis 31.12.2009 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (14.2.09 - 28.02.09 - ) / 2428 / 452
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