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Zum Vorlesen und zum Nachdenken
Der Schulwechsel
Kennst du den kleinen Luca? Nein? Na, macht nichts, den musst du ja auch nicht kennen. Obwohl er ganz in deiner Nähe wohnt und ganz in deiner Nähe zur Schule geht. Er ist auch ungefähr so alt wie du. Aber wahrscheinlich kennst du ihn deshalb nicht, weil er noch nicht so lange in deiner Nähe wohnt. Er ist nämlich erst vor ungefähr zwei Jahren hierher gezogen. Mit seinen Eltern.
Früher, da haben er und seine Eltern in einem schönen Haus im Süden gelebt,ganz nahe am Meer. Jeden Tag konnte der kleine Luca an den Strand gehen, um mit seinen Freunden Muscheln zu sammeln, Sandburgen zu bauen oder schwimmen zu gehen. Seine Mutter konnte ihm von der Terasse ihres Hauses aus zusehen, während sie die Wäsche aufhängte oder mit den Nachbarn einen kleinen Kaffeetratsch machte. Es war ein echtes Paradies, in dem sie lebten. Der Vater kam am frühen Abend von der Arbeit nach Hause und dann spielten sie oft noch gemeinsam am Strand, gingen bei Sonnenuntergang spazieren und beobachteten die aufgehenden Sterne, wenn sich die Dunkelheit über das rauschende Meer legte.
Aber eines Tages kam der Vater mit einer unerwarteten Nachricht nach Hause. Schon in zwei Monaten, so erzählte er es seiner Frau und seinem Sohn, sollte er einen ganz neuen Job übernehmen. Die Firma schickte ihn ins Ausland, um dort eine neue Fabrik aufzubauen und zu leiten. „Wie lange wirst du denn da weg sein?“, fragte Luca den Vater. Aber der antwortete ihm: „Ich werde nicht weg sein, sondern wir werden alle gemeinsam dort hin gehen. Ich nehme euch natürlich mit!“ Der kleine Luca verstummte. Das hatte er nicht erwartet. Er merkte, wie der Vater sich freute und richtig fröhlich zu sein schien. Aber ihm war gar nicht fröhlich zumute. Er wollte nicht weg! Er wollte hier bleiben, bei seinem Strand, dem Haus und dem Meer! Aber er wollte den Vater auch nicht enttäuschen, also sagte er nichts. Still ging er auf sein Zimmer… und weinte.
Er weinte noch öfter in den darauf folgenden zwei Monaten. Und dann war es soweit. Eines Morgens kamen zwei riesige LKWs und packten alles ein:die Möbel, die Bücher, das Geschirr, einfach alles. Und der Vater sagte fröhlich:„Auf geht´s!“, und dann fuhren sie in ihrem Auto den LKWs voraus.
Die ersten Monate im anderen Land waren schlimm für den kleinen Luca. Gott sei Dank bemerkten seine Eltern schließlich doch, wie schwer ihm das alles fiel und sie kümmerten sich um ihn und machten ihm immer wieder Mut. Nun, seither sind zwei Jahre vergangen und der kleine Luca hat sich schon ein wenig an sein neues Zuhause gewöhnt. Aber es gibt Tage, da träumter immer noch von seinem alten Haus am Meer und seinen Freunden, mit denen er dort so oft Muscheln sammeln oder Sandburgen bauen oder schwimmen war. Weißt du, viele Erwachsene meinen, ein Kind, das gewöhnt sich doch sehr schnell an etwas Neues. Einem Kind macht so ein Umzug in ein fremdes Land weniger aus als einem Erwachsenen. Kinder finden schnell neue Freunde,neue Kontakte, sind schnell wieder glücklich. Meinen die Erwachsenen. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Jedenfalls beim kleinen Luca, da stimmt das ganz sicher nicht. Zwei Jahre ist er jetzt schon bei uns und hat immer noch Heimweh…manchmal jedenfalls.
Warum ich dir das erzähle? Vielleicht, weil du ihm helfen könntest. Wie? Ganz einfach: Sei ein bisschen nett zu ihm, wenn du ihn siehst. Spiel mal mit ihm. Ich glaube, er kann ein echt toller Freund sein, wenn du ihn lässt. Aber du kennst ihn doch gar nicht, meinst du? Das macht gar nichts. Wenn du ihn nicht kennst, dann kennst du bestimmt ein anderes Kind, dem es so ähnlich geht. Das auch von woanders kommt. Das auch noch ab und zu Heimweh hat. Dann kannst du ja zu diesem Kind nett sein und mit ihm spielen.
Autor / Quelle: Hartmut Schwaiger
Beitrag online bis 15.6.2009 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 6 (5.5.09 - 31.05.09 - ) / 2500 / 205
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