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 © Helmut Meisl

 Ventil
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Erst kommt das Fressen …

... dann die Moral – so könnte das Motto mancher im Fasching heißen. Erst mal kräftig feiern, über die Stränge schlagen, Grenzen überschreiten, danach kann man ja mal weitersehen.

Es könnte auch das Motto derer sein, die sich von einem aktuellen Werbeslogan einer großen Bank – fast täglich vor der Tagesschau zu sehen –: „Unterm Strich zähl ich“ angesprochen fühlen. Und es könnte das Motto der Nimmersatten sein; derer, die den Hals nie voll kriegen. Die nach der Höhe der Rendite fragen und nicht auf wessen ökologische und soziale Kosten sie erwirtschaftet wird. Oder eben nicht erwirtschaftet wird, wie uns die jüngste Vergangenheit gelehrt hat. Nur, die Zeche haben auch dafür andere bezahlen müssen. Ja, erst kommt das Fressen, dann die Moral – das Zitat Bertolt Brechts aus der „Dreigroschenoper“ hat nichts an Aktualität verloren.

Doch – und so habe ich es kürzlich in einer Predigt gehört – es könnte auch das Motto eines Heiligen sein. Eines Heiligen, der als Erstes und vor allem anderen die Not und das Elend der Menschen sieht, die Not und das Elend lindern möchte, bevor gepredigt wird.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral – das sind die paar Euro in die Hand des Bettlers, ohne zu fragen, wie der Mensch in diese Situation gekommen ist, vielleicht sogar selbst verschuldet, und ohne danach zu fragen, was er mit dem Geld macht. Das ist die selbstlose Hilfe für AIDS-Kranke ohne nach den Ursachen der Ansteckung zu fragen. Das ist das Eintreten für einen Sozialstaat, der die Verpflichtung des Eigentums für das Gemeinwohl wieder ernst nimmt und die wirkliche Teilhabe aller am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben gewährleisten will. Und das ist das Eintreten für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, die allen das Leben sichert, auch wenn es für uns Einbußen bedeutet.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ – auf die Sichtweise kommt es an.





Autor / Quelle: Bergmoser + Höller Verlag, Aachen / Peter Kane

Beitrag online bis 31.5.2010 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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