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Uni-Pfarrer Mag. Erwin Neumayer, Salzburg
Uni-Pfarrer Mag. Erwin Neumayer, Salzburg
Im Gespräch mit Ordinariatskanzler Dr. Hansjörg Hofer
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Vom Traditionschristentum zum Wahlchristentum
Ehrlich überzeugte Atheisten sind heute ein pastoraler Glücksfall, mit ihnen kann man wenigstens noch trefflich diskutieren und streiten“, so bringt Neumayer die Situation beim dritten Vortrag der Fastenaktion auf den Punkt.
Am dritten Abend der FA ging es um die „PR in einer globalisierten Welt“. Der Referent des Abends, Universitätspfarrer Erwin Neumayr ist in Hallein kein Unbekannter, war er doch einige Jahre bereits als Kooperator tätig und auch in der Fastenaktion selbst konnte er bereits als fachkundiger Referent überzeugen.
Wir leben in Europa in einer sehr hoch spezialisierten Welt, mit bestens geschulten Menschen. PR beinhaltet die Wechselwirkung zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Produkt und Käufern, zwischen der Lebenswirklichkeit der Menschen und dem Angebot und Verkaufsstrategien. Nur wer heute laut und schrill redet, bewirkt heute Aufmerksamkeit.
Die PR-Leute nehmen die Lebenssituation der Menschen in den Blick und stimmen ihre Werbestrategie darauf ab, auf den Punkt gebracht wird so die Ware beworben. Umgelegt auf das Christentum ist festzustellen, dass es ein „tolles Produkt“ hat – das Evangelium. Aber manches Mal ist das „Marketing“ und die „Verkaufsstrategie“ doch recht verbesserungswürdig. Wie können wir Christen heute von unserem „Produkt“ so reden, dass Verkündigung in einer globalisierten Welt gelingt? Die Verkündigung der Frohen Botschaft gehört zum „Kerngeschäft“ der christlichen Kirchen. Auf die Mitfeiernden in Gottesdiensten werden nicht selten ganze „Wortlawinen“ auf die Besucher losgelassen. Wir leben heute in einer noch nie dagewesenen Flut von Kommunikationswegen, auch als Christen und als Kirche, all die Wege ermöglichen eine Verkündigung; trotzdem werden die Kirchen leerer. Weniger offizielle Religion bedeutet auch weniger private Religiosität und in Folge nimmt auch das Glaubenswissen immer mehr ab. 90% der Getauften interessieren sich überhaupt nicht mehr für die religiöse Lebenspraxis in den Gemeinden.
Die Nicht-Religiosität hat weltweit den größten Zulauf, die Glaubenslosigkeit ist heute die 4. größte „Weltreligion“; je moderner die Gesellschaft, um so weniger Zulauf für die Religion. Wo die Kette der Glaubensbildung in den Familien eingebrochen ist, kann auch eine Einführung der Kinder nicht mehr gelingen. Größere religiöse Vielfalt bedeutet keineswegs mehr religiösen Wettbewerb. Die Menschen engagieren sich durchaus nicht von selbst in Richtung religiöse Werte und religiöse Wissensbildung. Gott ist heute für viele der Abwesende und der Unbekannte geworden (Martin Buber spricht von einer „Gottesfinsternis“ in der heutigen Zeit). „Ehrlich überzeugte Atheisten sind heute in der Pastoral ein Glücksfall, mit ihnen kann man wenigstens noch trefflich diskutieren und streiten“, so bringt Neumayer die Situation auf den Punkt.
Bei jüngeren Generationen und bei besser gebildeten Menschen ist eine beginnende religiöse Suchbewegung auszumachen. Das Christentum wird sich heute weltweit in eine Situation bewegen, die weg von der Volkskirche geht und jener Situation ähnelt, die vor der Einführung als Staatsreligion 381 n.Chr. gewesen war. Damals gab es eine Fülle an religiösen Strömungen und Vorstellungen verschiedenster Art und an Zerrissenheit, vom Ahnenkult bis hin zum Christentum. In dieser Welt lebte und wirkte der Apostel Paulus.
Paulus war ständig auf Achse – auch ohne Düsenantrieb und Auto. Paulus war gut vernetzt – auch ohne das Internet; aber: würde Paulus jetzt leben, er würde über das Internet kommunizieren. Paulus war ein Meister der Vernetzung der Gemeinden, des Dialogs und der Kommunikation. Paulus war immer im Gespräch – auch ohne Handy. Er war ein Suchender und ein Rastloser, der immer Christus suchte und ihn immer mehr kennenlernen wollte. „Die Christen verkündigen nicht sich selbst, sondern Christus den Herrn“, so kann wohl einer der Grundsätze des Apostels Paulus zusammengefasst werden.
In Hausgemeinden trafen sich damals die noch recht kleinen Gemeinden zum Herrenmahl. Die Häuser von Gemeindemitgliedern waren häufig Versammlungsorte, an denen das Wort Christi verkündet und gelehrt wurde. Paulus suchte auch die öffentlichen Plätze auf, wo er vorbeigehende Menschen ansprach. Seine Adressaten waren nicht nur die Intellektuellen, sondern auch die Sklaven und einfachen Menschen und die Menschen am Rand der Gesellschaft. Meist blieb Paulus einige Wochen und Monate in einer Gemeinde um dann wieder weiterzuziehen. Inhalt der Missionstätigkeit des Paulus war die Botschaft von Jesus Christus.
Der Missionsbegriff ist heute nicht sehr positiv besetzt. Wie kann Mission heute verstanden werden? Man darf auf jeden Fall in unseren Breiten nicht „missionieren“. Weite Teile Europas sind heute wieder zu Missionsgebieten geworden. Dies kann die Kirche als Chance sehen, sich von den Ursprüngen her zu erneuern, damit ist die Situation nicht sehr ganz unähnlich jener zu Zeiten des Paulus. Die christlichen Kirchen haben eine gemeinsame Aufgabe für alle, einzutreten für eine konkrete Mission für einen konkreten Menschen: Jesus Christus. Die Kirchen haben einen Resonanzraum zu schaffen, damit die Botschaft Jesu zum Klingen gebracht werden kann.
Niemand wird als Christ geboren, jeder Mensch muss für sich ganz selbst Christ werden und Gott aufnehmen. Das Christentum beginnt mit jeder Generation neu, muss zuerst in einem selbst beginnen. In die Familien muss Gott nicht hingebracht werden, da ist er schon, er muss nur noch entdeckt werden. In der Mission heute geht es darum, Christus zu bekennen und zu bezeugen durch das Wort, das durch unser Handeln und unser Leben gedeckt sein muss.
„Neue Evangelisierung“ ist der heute übliche Begriff, dabei geht es um das Selbe, wie es dem Paulus bei seiner Tätigkeit ging. Die Menschen vom Götzendienst zu einem Dienst am wahrhaft frei machenden Gott hinzuführen. Die Kirche muss selbst evangelisiert sein um evangelisieren zu können. Nur aus der Kraft des Evangeliums können Christen und Kirchen Kraft für die Zunft bekommen. Der Begriff Evangelium bedeutet frei übersetzt „Nachricht von Gewicht“. Es geht um die „Verkündigung des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi“. In der Kirche überliefert und verkündet Christus sich selbst.
Paulus sieht die Christen der Gemeinde Korinth wie einen Einladungsbrief, den alle Menschen lesen und verstehen können. Was da wohl auf unserem „Brief“ steht? Es braucht eine Evangelisierung in Europa und bei uns. Das Traditionschristentum wandelt sich mehr und mehr zu einem Wahlchristentum. Der „Mehrwert“ eines Lebens im Glauben muss für die Außenstehenden erkennbar werden. Inmitten einer gleichgültigen Öffentlichkeit findet das persönliche Zeugnis wieder mehr Aufmerksamkeit. Nicht christliche Zeitgenossen reagieren in naher Zukunft dort sehr aufmerksam, wo wir in Gesprächen mit eigenen Glaubenserfahrungen „herausrücken“. Alle unsere Zweifel und Fragen haben da Platz in Worten und Taten – sie können durchaus eine Chance zur Weiterentwicklung werden. Seelsorge muss auch als Selbstsorge gesehen werden, nur dann gilt: „wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund ...“; das ist eine Aufgabe des ganzen Kirchenvolkes! „Die Kirche ist als Ganze missionarisch“ heißt es schon beim II. Vatikanischen Konzil.
Wir als Christen sollen und dürfen die Zuversicht in uns tragen, dass wir etwas zu sagen haben. Und zwar etwas, was nicht im Internet und in Büchern steht. Wir müssen der verbreiteten Unfähigkeit entgegentreten, von unserem Glauben sprechen zu können, wir müssen Gott im Alltag wieder entdecken. Dazu gehört auch Glaubensbildung.
Schließlich müssen christliche Gemeinden die Menschen willkommen heißen. Die Kirche muss nicht für alles offen sein, sehr wohl aber für Alle. Wer in der Kirche, in einer Gemeinde auftaucht, muss so wie er kommt, willkommen sein. Wertschätzend aber nicht vereinnahmend müssen die Gemeinden den Gästen entgegenkommen. Die Pfarrgemeinden dürfen sich nicht nur selber sehen, sie müssen auch offen sein für „Trittbrettfahrer“, die vielleicht auch nur eine Zeit lang versuchen mit ihr mitzuleben. Ob und dass ein „Funke“ überspringt, muss nicht unsere Sorge sein, „das können wir ruhig den Heiligen Geist überlassen“, so Erwin Neumayer zum Schluss seines recht konkreten und konkreten Vortrages. Nicht die Kirche darf im Vordergrund stehen, sondern einzig allein Gott ist es, der durch uns in den Menschen ans Licht gebracht werden soll; wir brauchen Gott nicht zu unseren Mitmenschen bringen, er ist bereits in ihnen.
Autor / Quelle: Zusammengefasst von Helmut Meisl
Beitrag online bis 23.3.2010 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (9.3.10 - 24.03.10 - ) / 2729 / 437
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