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Univ. Prof. Dr. Marlis Gielen, Salzburg
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Von der Schwierigkeit prophetisch zu reden und dabei den Mund halten zu müssen
Der 100. Vortrag in der 20. Fastenaktion der Halleiner Pfarrgemeinden befasste sich mit dem Verhältnis Mann-Frau in der Kirche und bot so manche ungewohnte Sichtweise.
Der Apostel Paulus bediente sich mit seinen Briefen einer Textgattung, die immer nur die eine Seite eines Gespräches dokumentiert. Das fanden sehr schnell auch die Leser seiner Briefe nach deren Niederschrift als nicht ganz einfach, war doch immer nur die Stimme des Paulus, nie aber die seiner Mitarbeiter zu vernehmen. Briefliche Kommunikation ist zudem situationsgebunden und die Gefahr zu Missverständnissen wächst mit der Zeit. Ohne Verständnishilfen bleiben die Paulusbriefe schwer verständliche und nahezu unverdauliche Kost. Dies führt häufig zu klischeehaften Vorstellungen über die Person und den Wert des Apostels Paulus. Eines der am meisten verbreiteten Klischees: Paulus war ein Frauenfeind. Dieses Urteil ist allerdings ein klares Fehlurteil und die Kirche hätte es gut, gebe es heute noch solche „Frauenfeinde“, bringt es die Referentin auf den Punkt.
„Nicht überall wo Paulus drauf steht, ist auch Paulus drin“, die Gruppe der nachpaulinischen Briefe wenden sich die Leiter der Gemeinden nach Paulus an die Gemeinden. Unter dem Namen des Paulus geben hier die Gemeindeleiter der paulinischen Gemeinden Anweisungen und Ratschläge an ihre Gemeindemitglieder. Generell waren die paulinischen Schreiben Gelegenheitsbriefe, die immer zu etwaigen aktuellen Situationen Bezug nahmen.
Die Handlungsmöglichkeiten der Frauen zur Zeit des Paulus waren beachtlich. Die ergiebigsten Situationen dazu finden sich im 1. Korintherbrief und im Schlusskapitels des Römerbriefs. Im 1. Korintherbrief nimmt Paulus zu konkreten Fehlentwicklungen in den damaligen Gemeinden Stellung.
In seinem Brief an die Römer werden gerade etliche Frauen besonders erwähnt, zählt man genauer nach, ist die nicht nur aufzählende Nennung von Frauen deutlich über jener der Männer. Als „die die sich abmühen und euch vorstehen und euch anleiten ...“ werden die konkret angeführten Frauen in den Gemeinden beschrieben. Wenn hier Paulus diese Frauen so konkret grüßt, dann dürften diese Frauen in der römischen Gemeinde wohl kaum nur eine Nebenrolle gespielt haben.
„Diakonie“ wird bei Paulus für die Indienst-Stellung zur Evangeliumverkündigung verwendet. Ein Diakon ist ein von Gott Beauftragter und in Dienst Gestellter zur Evangeliumsverkündigung – und das trifft bei Paulus durchaus nicht nur auf Männer zu. Einige Ehepaare –Mann und Frau - werden als „Apostel der ersten Stunde“ genannt. In der aktuellen Einheitsübersetzung im Röm 16,7 findet sich beispielhaft eine „literarische Geschlechtsumwandlung“, die einer genaueren wissenschaftlichen Prüfung nicht standhält.
Erst in der Reformationszeit setzte sich die männliche Deutung von Apostelnamen durch, aus Junia wurde so zB. ein Junias. In weiterer Folge bestand die „Lösung“ der Übersetzer darin, im Zweifelsfall eben beiden Ehepartner den Apostelstatus abzusprechen. Diese Übersetzungsvarianten konnten anhand von sorgfältigen Recherchen und Prüfungen zurückgewiesen werden, entsprachen sie doch ganz eindeutig auch nicht der Absicht des Apostels Paulus. Die Bezeichnung „Brüder und Apostel“ verstand sich zur Zeit der Erstellung der Briefe ganz klar auf beide Geschlechter zutreffend. Die Wahrnehmung der Verkündigungstätigkeit durch Ehepaare entsprach sogar damals der Regel und war keinesfalls die Ausnahme.
1 Kor 11 2-16 Diese Stelle des 1. Korintherbriefes im 11. Kapitel (Vers 2-16) hat ganz wesentlich zum schlechten Image des Apostels Paulus gegenüber Frauen beigetragen. Auch dieser Text bestätigt aber, dass bei der Wahrnehmung der gottesdienstlichen Aufgaben eine Gleichstellung von Frauen und Männern herrschte. Ganz selbstverständlich stimmt Paulus mit der Gemeinde darin überein, dass Frauen und Männer in Gottesdiensten die gleichen Aufgaben übernehmen dürfen; dies gilt auch für die „Prophetie“. Dennoch schreitet Paulus gegen ein Verhalten von Frauen ein, die eine alleinige Verkündigung durch Frauen als rechtmäßig einfordern. Die Kritik des Paulus richtete sich gegen das, was in der damaligen Gesellschaft als nicht akzeptiert galt: Das Auftreten von Frauen ohne Verhüllung des Kopfes. Die Provokation für Paulus bestand darin, dass er eine Abweichung des Verhaltens von „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ aus der damaligen Sicht nicht tolerierte. Solche geschlechtsspezifische Symbole gab es immer und gibt es auch heute. Bis vor noch wenigen Jahrzehnten war die „Hose“ eindeutig ein rein männliches Kleidungsstück. Der „Rock“ ist hingegen – auch heute noch – ein rein weibliches Kleidungsstück (Schottland einmal davon ausgenommen). Auch in der Haarmode hat sich immer wieder die Länge der Haarmode der Geschlechter verändert. Auch bei Paulus wird es wohl nur um ein allgemein akzeptiertes, äußeres Erscheinungsbild gegangen sein. Allerdings trugen damals sowohl Männer als auch Frauen eine Kopfbedeckung.
Jude-Grieche, Sklave-Freier, männlich-weiblich, all das wird bei Jesus bedeutungslos, das war wohl auch Paulus ganz klar. Die schöpfungsmäßige Unterscheidung hat in der Denkordnung des Glaubens keinen Platz mehr. Die korinthischen Frauen versuchten daher durch den Verzicht der „Verhüllung“ ein Symbol dieser Gleichstellung durch äussere Handlungen zu setzen. Obwohl Paulus in einer hierarchischen Tradition gelebt hat, ist in seinen Texten eine Unterscheidung von Mann und Frau hinsichtlich der gottesdienstlichen Tätigkeit nicht erkennbar.
Von der Schwierigkeit prophetisch zu reden und dabei den Mund halten zu müssen. Die Frauen sollen in den Gemeindeversammlungen schweigen (1 Kor 34a). Diese Stelle ist im kollektiven Gedächtnis so stark gespeichert, wie kaum eine andere Stelle und gilt bis heute als eine der Hauptstelle des Nachweises für die paulinische Frauenfeindlichkeit. Dabei bleibt unbeachtet, dass diese „Anweisung“ im krassen Gegensatz zu der ebenfalls in diesem Brief angeführten Aufforderung zum prophetischen Reden von Männern und Frauen steht. Paulus kann sicher nicht für beide Stellen des Briefes verantwortlich zeichnen. Die Stellen wurden eindeutig viel später hinzugefügt um die Frauen auf die ihnen ureigensten Aufgaben zurückzudrängen. Diese Einfügung ist ein „Kuckucksei“, das – bis heute - mit großem Erfolg damals gelegt wurde.
Paulus lässt sich keinesfalls vor den Karren der Frauenfeindlichkeit spannend, gleichwohl ist er aber auch nicht dafür geeignet, sich von der feministischen Bewegung vereinnahmen zu lassen. Paulus zollte Frauen und Männern in der diakonischen Gemeindearbeit den gleichen Respekt, eine Einstellung, die der r.k. Kirche auch heute wieder gut anstünde – erst recht nach dem Jubiläum 2000 Jahre Apostel Paulus im Jahr 2008.
Autor / Quelle: Zusammengefasst von Helmut Meisl / Fotos Hilde Hofrichter
Beitrag online bis 8.4.2010 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
P 5 (25.3.10 - 08.04.10 - ) / 2744 / 536
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