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 © Helmut Meisl

 Gedanken zum Sonntag
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Ist es wahr, Herr, dass ich bei dir nicht zu kurz komme?
Und wenn ich in der letzten Stunde ankäme, mit hängender Zunge und traurig, weil ich es nicht geschafft habe – gibst du mir trotzdem einen Denar?
Ich bin noch weit davon entfernt, dies zu begreifen, Herr. Es ist zu weit für mein enges Herz.
(Albert Höntges)


Der Skandal ist nicht, dass ungleiche Arbeit gleichen Lohn erhält, sondern dass es welche gibt, die arbeiten wollen, aber nicht dürfen. Nicht gebraucht zu werden, ist ein Gefühl, das kaputt macht. Wir finden die Zurückgewiesenen auch in unseren Gemeinden, obwohl es genügend Weinberge gibt, wo jeder gebraucht wird – unabhängig von seiner Kraft und seinem Können.

22. September 2002 - 25. Sonntag im Jahreskreis

Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebensoviel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will?

Hätten Sie gern solch einen Arbeitgeber wie diesen Weinbergbesitzer? Ach, Ihnen missfällt das Verhalten dieses Unternehmers? Sie halten ihn für ungerecht, weil er dem, der einen zwölf Stunden langen Tag geschuftet hat, nicht einen Cent mehr bezahlen will als dem, der gerade mal eine Stunde vor Schichtende zu arbeiten begann? Sie meinen, das Lohn-Leistungs-Verhältnis stimme nicht, weil der eine gewiss eine große Menge Trauben geerntet habe, der andere aber bestenfalls zwei Kiepen voll? Na ja, wenn Sie so denken. Nein, nein, das ist keine Kritik, ich denke ja auch oft so. Aber vielleicht denken wir falsch. Vielleicht achtet dieser Weinbergbesitzer nicht ausschließlich auf die Produktionsmenge, sondern auf das individuelle Leistungsvermögen: In aller Herrgottsfrühe werden junge Burschen, die gar nicht wissen, wohin mit ihrer Kraft, für die Arbeit im Weinberg angeheuert. Später Frauen, die zuvor ihre Kinder und den Haushalt versorgen mussten und dabei schon einige Kraft verbraucht haben. Schließlich ein paar Männer, knapp vor dem Rentenalter und nicht mehr ganz gesund. Gemäß der jeweiligen Möglichkeit, setzt sich jeder bei der Arbeit voll ein. Bei Arbeitsschluss ist doch dann der Alte mit seiner geringeren Leistungskraft nicht weniger „geschafft“ als der energiegeladene Junge. Zugegeben, gerecht mag diese gleiche Entlohnung auch dann nicht sein, aber sie ist sehr barmherzig – einfach göttlich.




Autor / Quelle: Gundula Kühneweg

Beitrag online bis 4.10.2002 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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