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Ernst Cordt





Friede

Erinnern Sie sich noch an WALULISO, den selbsternannten Friedensapostel?

In den 80er Jahren begann er für den Frieden und für die Abrüstung zwischen Ost und West zu demonstrieren. Bei jedem Staatsbesuch war er ganz vorne, in einer weißen Toga gekleidet, einen Kranz von Olivenzweigen auf dem Kopf und eine weiße Fahne in der Hand. Vor allem die Politiker aus der damaligen Sowjetunion und der USA waren die bevorzugten Adressaten für sein Anliegen. Und weder Regen noch Frost und Schnee konnten ihn davon abhalten, seine Botschaft an den Staatsmann zu bringen. Ein Spinner! Was kann denn ein einzelner schon ausrichten! Das haben viele gedacht. Aber hätte es damals viele olche „Spinner" gegeben, vielleicht wäre die Berliner Mauer früher gefallen, hätte sich der Eiserne Vorhang früher geöffnet.

Friede ist nicht ein Gut, das uns Menschen in den Schoß fällt. Egoismus, persönliche Interessen und Staatsraison verstellen uns so oft den Blick darauf. Und es ist sicherlich nicht leicht, diese Hindernisse zu überwinden. Außerdem kann – so werden manche sagen – ja der bravste Mann nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Aber seien wir doch ehrlich, ist der sogenannte „böse Nachbar" nicht oft nur ein Deckmantel für unseren Egoismus, für unsere Interessen oder für eine bestimmte Saatsaison?

Was im Großen gilt, das spiegelt sich im Kleinen, im persönlichen Kreis wider: Auf die Frage, was für sie Friede sei, sagten meine Kinder: „Liebe, Wärme, Miteinander und. kein Streit." Und damit treffen sie mit der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Friede als „Beieinandersein, Behandeln des anderen wie ein Familienmitglied" wohl auch die fundamentale Sehnsucht des Menschen nach Nähe und Geborgenheit.

Aber so groß auch der Wunsch danach ist, so schwierig ist es. diesen zu erfüllen, diese Sehnsucht zu stillen. Denn wie oft glauben wir, nur unser Standpunkt wäre der richtige? Wie oft scheint uns nur unser Weg der wahre zu sein?

Intoleranz also und das fehlende Bemühen, den anderen zu verstehen oder wenigstens zu akzeptieren ist's, was uns im Kleinen dieses Gut so weit entrückt, das uns Geborgenheit verspricht. „Mit a bissl guatn Willen", sagt da der Wiener und trifft damit den Kern des Problems: Ein wenig mehr Verständnis sowie ein wenig mehr Toleranz unseren Nächsten gegenüber – und es wäre schon sehr viel getan. Wir müssen da nicht einmal die berühmte andere Backe hinhalten.





Autor / Quelle: Ernst Cordt

Beitrag online bis 11.2.2002 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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