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 © Helmut Meisl

 Gedanken zum Sonntag
Diese Seite als Druckausgabe


Gäbe es nur die Tradition,
säßen wir noch in Höhlen.
Gäbe es nur Wandel,
säßen wir wieder drin.

Leszek Kolakowski


Der Mensch ist von Gott nicht weiter entfernt als ein Gebet.
Mutter Teresa



18. Mai 2003 - 5. Sonntag der Osterzeit

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt.

Warum scheint gerade das Bibelwort vom wahren Weinstock die Prediger fast immer nur zu einer einzigen Aussage mit Drohcharakter zu motivieren? Viel zu oft mit erhobenem Zeigefinger war von den Kanzeln zu hören: „Bleibt in Christus, schneidet euch nicht selbst vom Weinstock ab. Es liegt an euch, ob ihr an diesem Weinstock, an dem Leben spendenden Christus bleibt, oder nicht.“ Entspricht das wirklich dem Bild vom Weinstock und den Reben? Ich bezweifle das zutiefst. In der Natur – sollte ich sagen: in Wahrheit? – kann sich keine Rebe selber vom Weinstock trennen. Das ist unmöglich. Eine Rebe entsteht und wächst auch nur, weil sie mit dem Weinstock ganz eng verbunden ist. Von ihm ist sie ganz und gar abhängig – ob sie will oder nicht. Nur in dem Maß, indem der Rebe vom Weinstock Energie, Lebenskraft zuströmt, kann sie wachsen, grünen, Blätter treiben, Frucht bringen. Dieses Evangelium vom wahren Weinstock taugt also überhaupt nicht zu einer Drohpredigt. Es bietet im Gegenteil eine echte Mutmachgeschichte. Sie kann Mut machen zum Leben als Christenmensch. Wir sind Reben, Christus ist der Weinstock. Seit dem Tag unserer Taufe sprießen wir sozusagen als kleine Rebzweigtriebe aus diesem Weinstock hervor. Und mithilfe des Weinstocks dürfen wir weiter wachsen und grünen – und als Rebe an seinem Stamm auch Frucht zu bringen, die anderen zugute kommt.




Autor / Quelle: Bergmoser + Höller Verlag / Gundula Kühneweg

Beitrag online bis 30.5.2003 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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