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 © Helmut Meisl

 Gedanken zum Sonntag
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Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.
So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift zu lesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt:
"Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe;
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe."
Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.


Die Bibel ist alles andere als eine Masse zusammengewürfelter Texte … Überall, aus verschiedenen Sprechweisen, verschiedenen Sprachen, verschiedenen Formen, verschiedenen Umständen hören wir denselben Autor heraus, der über dasselbe mit uns zu sprechen hat, der sich desselben Schatzes bewusst ist, der denselben Sprachschatz benützt.

Paul Claudel



25. Jänner 2004 - 3. Sonntag im Jahreskreis

Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.

Die unterschiedlichen Geister zu scheiden fällt uns heute immer schwerer. Immer wieder lesen wir von irgendwelchen "Gurus" – egal welcher religiöser Richtung – die Leute für sich begeistern. Dabei geht es Ihnen meistens nur darum Geld von ihren Mitgliedern herauszuholen und sie im strikten Gehorsam an sich zu binden, um sie zu braven Befehlsempfängern zu machen.
Das gleiche geschieht tagtäglich auf politischer Ebene. Immer wieder hören wir tolle Versprechungen, immer wieder wird der politische Gegner bloßgestellt und die eigene Meinung als das absolut Wahre und Richtige hingestellt. Zu oft muss man dann feststellen, dass nicht das Wohl aller sondern das politische und wirtschaftliche Eigeninteresse dieser Frauen und Herren Politiker im Vordergrund steht.
Und dennoch: Vor rund 2000 Jahren gab es einen, der auch die Massen auf sich zog und der auch Versprechungen machte. Und dieser Jesus von Nazaret hatte nicht sein eigenes politisches und wirtschaftliches Interesse vor Augen, sondern das leibliche und geistige Wohl aller Menschen.
Und wenn man mit solch einem berühmten Mystiker wie Meister Eckehart übereinstimmen darf, dass in jedem Menschen ein göttlicher Seelenfunken zu finden ist und es nur darauf ankommt, ob wir Menschen uns ganz auf Gott einlassen, dann können wir auch davon ausgehen, dass es immer wieder – vielleicht nur ein paar wenige – religiöse und politische Persönlichkeiten gibt, die wirklich vom Geist Jesu inspiriert sind.
Und das wünsche ich uns allen: dass wir lernen, diese verschiedenen Geister zu unterscheiden. Dass wir genau hinhören, was bestimmte Leute und Gruppen als das Wahre "verkaufen". Aber auch, dass wir genau hinsehen, was so tagtäglich in unserem Land und auf der ganzen Erde passiert.

Damit bin ich beim 2. Teil meiner Ausführungen: Jede Botschaft ist an ihren Taten zu messen. Auch Jesus scheut sich nicht, die Konsequenzen seiner Botschaft vom Menschen liebenden Gott klar zu nennen. Wer sich von uns auf den Geist Jesu einlässt, der wird wohl nicht darum herumkommen Stellung zu nehmen. Jesus nennt hier 4 Beispiele: a) den Armen eine gute Nachricht bringen; b) den Gefangenen die Entlassung zu verkünden, c) den Blinden das Augenlicht; d) ein Gnadenjahr auszurufen.

Es ist immer schwierig, Aussagen einer längst vergangen Epoche in die Gegenwart zu transferieren. Und dennoch dürfen wir annehmen, dass in allen Aussagen so etwas wie eine sozialpolitische Grundstimmung steckt.
In diesen 4 Aussagen Jesu ist für mich sehr wohl eine Richtungsweisung an unsere Gegenwart herauszulesen: es geht darum, sich um die Leute, die am Rande stehen oder irgendwie gestrauchelt sind, zu kümmern. Dabei geht es hier gar nicht um die Schuldfrage, denn die meisten Gefangenen haben wohl mehr oder weniger schwere Vergehen auf sich geladen.

Erlauben Sie mir den unverschämten Versuch, diese 4 Aussagen Jesu auf unsere Gegenwart hin zu konkretisieren:
"den Armen eine gute Nachricht zu bringen": eine gute Nachricht für Leute, die wirtschaftlich am Rande angesiedelt sind und täglich um ihre Existenz kämpfen müssen ist sicherlich, wenn es ein paar Freunde gibt, die auch in schlechten Zeiten zu ihnen halten. Genauso gut ist es allerdings, wenn politisch Verantwortliche den Mut aufbringen, ihre politischen Maßnahmen – trotz Gegenwehr anderer wirtschaftlicher und politischer Interessen – zu Gunsten dieser "Armen" zu setzen. Wahrscheinlich werden sie dafür in der Öffentlichkeit mehr Kritik als Zustimmung ernten.

"den Blinden das Augenlicht": wenn ich diese Aussage wortwörtlich verstehe, geht es meiner Ansicht darum, körperlich behinderten Menschen, ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Sie nicht zu bemitleiden, dass sie behindert sind, sondern dafür zu sorgen, dass unsere Gesellschaft diesen Menschen das Leben mit ihrer Behinderung so leicht wie möglich macht. Verstehe ich diese Aussage symbolisch, so darf ich mich nicht scheuen, mich mit anderen Meinungen auseinander zusetzen. Hier besteht wohl die für mich – als Christ- schwierige, aber notwendige Aufgabe, meine Meinung immer an den Geist der Botschaft Jesu auszurichten. Das ist sicherlich kein leichtes, aber ein notwendiges Unterfangen, damit unsere Mitwelt ein zärtlicheres Antlitz bekommt.

"damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze": Auch hier kann ich diese Aussage wieder "körperlich" oder symbolisch verstehen. Ich erlaube mir, sie symbolisch zu deuten. Wer von uns hat nicht schon die Erfahrung gemacht, dass einfach gar nichts mehr geht. Ich verspüre keine Lust irgendetwas zu tun, weil mich irgendetwas oder irgendwer psychisch zermürbt hat. Wenn ich mich auf den Geist Jesu einlasse und seinen Umgang mit Leuten, die zu seiner Zeit am Rand standen anschaue, dann ist für mich die Richtung klar: ich muss die Ohren für die Anliegen meiner Mitmenschen spitzen. Mein Ego soll einmal nicht im Vordergrund stehen, sondern vielleicht der Telefonanruf eines Bekannten der mir dringend etwas erzählen will, auch wenn es zehn Uhr abends ist und ich keine Lust mehr habe.

"und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe". es gab im alten Israel die religiöse Gewissheit, dass Jahwe alle 7 Jahre ein Gnadenjahr für die will, die wirtschaftlich am Rande standen. Für alle Bediensteten, für das Vieh und für das Land. Sie sollten sich erholen und wieder "zu Kräften" kommen.
Auch hier will ich für unsere Gegenwart wieder einen Punkt herausheben. Es gibt auf unserer Erde leider Staaten, die aufgrund Eigen- oder Fremdverschuldung einen riesen Berg von Schulden angehäuft haben. Um den Gläubigerstaaten zu entsprechen, stellen sie ihre wirtschaftliche Produktion sehr oft auf eine nur sehr einseitige Produktion von Wirtschaftsgütern um. Das führt dazu, dass die heimischen Produzenten – Bauern – an den existentiellen Rand gedrängt werden. Auch häuft sich der Schuldenberg dieser Staaten – trotz eifriger und einseitiger Sanierungsbemühungen – immer mehr und mehr an. Der Mechanismus von nichtbezahlten Zinsen wieder Zinsen zu verlangen, lässt die Verschuldung auf astronomische Größen anwachsen.
Im Geiste Jesu und auf der Tradition dieses Gnadenjahres beruhend, hat meiner Ansicht nach ein Schuldenerlass für diese Staaten den einzigen Sinn. So können sich diese wieder erholen und ein für uns ebenbürtiger Wirtschaftspartner sein.

Man könnte die Deutung dieser Bibelstelle des Lukasevangeliums sicher noch konkreter in unsere Gegenwart umsetzen. Ich möchte meine Darlegung als einen Impuls sehen, der - hoffentlich – den tieferen Sinn dieser Aussagen Jesu aufnimmt und in eine Richtung weist.





Autor / Quelle: Mag. Josef Hladik
Religions- und Textverarbeitungslehrer an der BHAK / BHAS Hallein. Wohnt in Kuchl, verheiratet, 2 Kinder


Beitrag online bis 23.2.2004 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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