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Aus meiner Sicht - Soziales Lernen
Haben Sie schon einmal versucht, eine selbstschließende Feuertüre in Ihre Richtung mit dem Ellenbogen aufzumachen, wenn die Hände voll bepackt sind?
Man muss mit dem Ellenbogen die Schnalle hinunterdrücken und gleichzeitig zu sich herziehen, dann rasch einen Fuß in den Spalt schieben und die Tür mit dem Knie so weit aufdrücken, dass man hindurch gehen kann. Nun, sehr einfach ist das nicht und es braucht schon ein wenig Zeit. Kürzlich war ich in dieser Situation, und als ich gerade durchgehen wollte, schlüpfte ein Zweitklassler vorbei, stieß mich dabei ein wenig zur Seite und war schon durch. Eben wollte ich etwas sagen, da drehte er sich um und bedankte sich freundlich dafür, dass ich ihm die Türe aufgemacht hatte. Ich war sprachlos. Ähnliche Situationen erlebe ich übrigens öfter.
„Ja, ja, die heutige Jugend, rücksichtslos, egoistisch…“ mag mancher von Ihnen denken. Und möglicherweise trifft es auch auf den einen oder anderen Schüler wirklich zu. Aber können wir ihm das verübeln?
Soziales Handeln ist niemandem in die Wiege gelegt. Jeder Mensch muss es lernen, wenn er nicht früher oder später in Gruppen Schwierigkeiten bekommen will. Aber wo kann man das lernen? Der beste Übungsraum dafür ist sicherlich die Familie. Da kann das Kind von klein auf in die soziale Verantwortung den anderen Mitgliedern gegenüber hineinwachsen. Und so war das wohl auch noch in der heutigen Elterngeneration: Kinderreiche Familien, in denen die Kinder zur Hilfsbereitschaft,zur Verantwortung den anderen gegenüber und auch zur Toleranz, kurz zum sozialen Handeln finden konnten. Die Zeiten waren nicht so gut, es blieb nichts anderes übrig, als zusammenzustehen.
Doch wenn wir uns die durchschnittliche Familiensituation von heute ansehen, so finden wir vielfach Einkindfamilien, selten Familien mit zwei Kindern, und Dreikinderfamilien sind schon die Ausnahme. Dazu ist der Altersunterschied zwischen den Kindern oft so groß, dass jedes so wie ein Einzelkind aufwachsen muss. So ist für viele erst die Krabbelstube oder gar der Kindergarten und dann die Schule der erste Raum, in dem sie die Fähigkeit zum sozialen Handeln brauchen. Und wenn sie, wie die meisten Kinder heute, nicht von klein auf da hineingewachsen sind, so müssen sie es von nun an mühsam lernen.
Nein, die Schüler von heute sind im Grunde ihrer Seele nicht rücksichtsloser oder egoistischer als frühere Schülergenerationen. Sie haben nur mehr zu lernen – im sozialen Bereich. Dem Rechnung zu tragen sind Kindergarten und Schule gefordert, doch leider oft auch überfordert.
Autor / Quelle: Ernst Cordt
Beitrag online bis 1.7.2004 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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