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Europa – Christliche Wurzeln, verdorrte Zweige?

Am 13. Juni 2004 finden die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. Vielleicht ein Anlass dafür, sich über "Europa" einmal Gedanken zu machen.

Zwei Ereignisse haben die Diskussion um das christliche Erbe und den christlichen Charakter Europas neu entfacht: Der Streit um den Gottes-Begriff in die Präambel der europäischen Verfassung und die Aufnahme der Türkei in die Europäische Gemeinschaft. Der türkische Ministerpräsident Erdogan versuchte seine Ansprüche mit dem Hinweis zu stützen, die EU sei doch „kein Christenclub“. Er erhielt Beifall von jenen, die Europa im Zeitalter der Globalisierung nur noch als Wirtschaftsraum sehen. Und es stimmten die gesinnungsarmen Pragmatiker zu, für die eine christliche Identität unseres Kontinents keine Bedeutung mehr hat.

Der türkische Ministerpräsident hat Recht. Europa ist mehr als ein „Christenclub“. Europa ist fast 2.000 Jahre lang die Hüterin einer christlichen Tradition, die von hier aus – wenn auch oft im Schutz kolonialer Ausbeuter – den Siegeszug um die Welt antrat. Schon Isidor von Sevilla bezeichnete 754 die Koalitions-Armeen als „Europäer“, die unter Karl Martell bei Tours und Poitiers den islamischen Ansturm auf Europa stoppten. Noch vor 200 Jahren schwärmte der Dichter Novalis: „Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo eine geeinte Christenheit diesen menschlich gestalteten Erdteil bewohnte; ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reiches.“

Der türkische Ministerpräsident hat Recht. Europa ist kein „Christenclub“ mehr im Sinne eines Novalis. Wie konnte man sonst dem christlichen Gott einen Platz in der Präambel der europäischen Verfassung verwehren? Mit dem Beitritt der neuen östlichen Mitglieder zählt Europa immerhin 222,50 Mill. Taufschein-Katholiken, 55,86 Mill. Protestanten, 13,27 Mill. Orthodoxe Christen, 14,58 Mill. Muslime , 1,77 Mill. Juden und 114,28 Mill. „Religionslose“. Die überragende Mehrheit der europäischen Bevölkerung bezeichnet sich folglich als Christen.

Es ist Leuten wie Erdogan nicht entgangen, dass Europa zwar christliche Wurzeln haben mag, Blätterwerk und Blüten jedoch längst vertrocknet sind. Das europäische Christentum verliert zusehends an innerer Kraft. Es droht in der Beliebigkeit unterschiedlicher Weltanschauungen zu versickern. Da helfen auch Appelle nicht, das Christentum in Europa müsse wieder „ein Fluss sein, der die Wüste belebt“ (Kardinal Lustiger). Wo soll der Fluss her kommen, wenn die Quellen versiegen?

Die Forderung nach „Re-Evangelisierung“ Europas zielt nicht auf irgendwelche Abständigen. Sie zielt auf unsere Gemeinden und jeden einzelnen Christen. Re-Evangelisierung ist Selbstbekehrung. Erst dann können wir uns unter Verweis auf die eigenen christlichen Wurzeln mit größerer Überzeugungskraft auch nichtchristlichen Traditionen stellen. Dann sind wir wieder Christen, die diesen Namen verdienen, und kein „Christenclub“.





Autor / Quelle: Peter Bucher (Bergmoser + Höller Verlag, Aachen)

Beitrag online bis 9.7.2004 (danach über Archiv weiterhin abrufbar)
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