Von der Obsttheke ins Forschungslabor: Wissenswertes und Neues rund um die Traube
Im Spätsommer und Herbst dominieren sie die Auslagen der Supermärkte: Weintrauben. Doch was umgangssprachlich oft in einen Topf geworfen wird, bedarf einer genaueren Unterscheidung. Der Großteil der Ernte sind eigentlich Keltertrauben, die direkt in die Weinproduktion fließen. Die Exemplare, die wir genüsslich naschen, sind sogenannte Tafeltrauben. Sie zeichnen sich durch deutlich größere Beeren und eine dünnere Schale aus, was den Verzehr angenehmer macht.
Dabei bietet das Sortiment weit mehr als nur farbliche Unterschiede zwischen Hellgrün, Rot und Dunkelblau. Während das Fruchtfleisch dunkler Sorten oft süßer und aromatischer schmeckt, punkten helle Varianten mit einer feinen Säure und jener charakteristischen Muskatnote, die entfernt an exotische Früchte erinnert. Unabhängig von der Farbe sind sie echte Nährstoffpakete, voll mit Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidantien, wobei letztere besonders in den Schalen der dunklen Varianten konzentriert sind. Allerdings ist Maßhalten angesagt: Mit rund 70 Kalorien pro 100 Gramm und einem hohen Anteil an Frucht- und Traubenzucker sollten gerade Diabetiker nicht unbegrenzt zugreifen.
Die Kontroverse um den Kern
Ein ewiges Streit,thema unter Verbrauchern ist die Frage nach den Kernen. Von Natur aus besitzen alle Rebsorten Samen, doch der moderne Konsument bevorzugt oft die Bequemlichkeit kernloser Züchtungen wie „Crimson Seedless“ oder „Thompson Seedless“. Ernährungsexperten sehen das kritisch und raten zu klassischen Sorten wie „Regina“ oder „Red Globe“. Der Grund liegt in den Inhaltsstoffen der Kerne selbst, die äußerst wertvoll für den Körper sind – vorausgesetzt, man zerbeißt sie beim Essen, damit der Organismus die Stoffe aufnehmen kann. Wer das nicht mag, kann alternativ zu kaltgepresstem Traubenkernöl greifen oder die Früchte entsaften.
Die Vorliebe für kernlose Früchte hat zudem einen Haken in der Anbauweise. Da Traubenkerne natürliche Wachstumshormone abgeben, bleiben kernlose Züchtungen oft klein. Um dem entgegenzuwirken, wird im konventionellen Anbau häufig nachgeholfen: Die Pflanzen werden mit Gibberellinen besprüht. Diese Wachstumshormone sorgen für pralle Früchte und ein größeres Stielgerüst. Zwar gilt dies als gesundheitlich unbedenklich, doch wer auf solche Behandlungen verzichten möchte, muss gezielt nach deutscher Ware suchen. Diese ist in der Regel unbehandelt, aber leider nur selten und saisonal begrenzt zwischen August und Oktober verfügbar.
Globale Lieferketten und Frischemerkmale
Da die heimische Produktion den Bedarf bei weitem nicht decken kann, ist der Handel auf Importe angewiesen. Während der Saison kommen die Früchte meist aus Italien, Spanien oder Griechenland. In den Wintermonaten übernehmen Überseeländer wie Südafrika, Peru oder Chile die Versorgung. Dieser globale Transport und die Anfälligkeit der dicht wachsenden Beeren für Pilzbefall führen dazu, dass konventionelle Ware oft Pestizidrückstände aufweist. Behördliche Untersuchungen finden regelmäßig Rückstände in einem Großteil der Proben. Gründliches Waschen unter fließendem Wasser oder der Griff zu Bio-Produkten ist daher ratsam.
Beim Einkauf selbst lässt sich Qualität leicht erkennen: Ein weißlicher Schleier auf der Schale, der sogenannte Duftfilm, ist kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal, das die Beere vor Austrocknung schützt. Frische Stiele sind grün; braune, holzige Stängel deuten auf lange Lagerung hin. Da Trauben nicht nachreifen, sollte man stets nur voll ausgereifte Rispen wählen.
Innovation aus den USA: Die „Norton Blanc“
Während man sich hierzulande mit Fragen der Lagerung und Pestizidbelastung beschäftigt, arbeiten Wissenschaftler in den USA an der genetischen Zukunft der Rebe selbst. Ein Blick nach Missouri zeigt, dass Züchtungserfolge nicht über Nacht geschehen. An der „Missouri State University“ gelang nun nach zwei Jahrzehnten Forschung ein signifikanter Durchbruch, der kürzlich patentiert wurde.
Dr. Wenping Qiu, Leiter des Zentrums für Rebenbiotechnologie, erhielt das Patent für eine neue Sorte namens „Norton Blanc“. Das Ziel der Forscher war ambitioniert: Sie wollten die extreme Widerstandsfähigkeit der „Norton“-Rebe, die auch bei hohem Krankheitsdruck und tiefem Frost gedeiht, mit den geschmacklichen Vorzügen des weltbekannten Cabernet Sauvignon kombinieren.
Der Prozess begann bereits im Mai 2005 mit der Kreuzung der beiden Sorten. Aus ursprünglich 100 Setzlingen wurden über Jahre hinweg die vielversprechendsten Kandidaten selektiert, bis schließlich eine Variante mit dem Code NC-6 übrig blieb. Das Ergebnis ist eine weiße Beere, die sich hervorragend zur Weißweinherstellung eignet und speziell an die klimatischen Bedingungen des Mittleren Westens der USA angepasst ist.
Dr. Melissa Bledsoe, Dekanin des William H. Darr College of Agriculture, bezeichnete die Entdeckung als Meilenstein für die Weinindustrie, da sie Winzern eine robuste Option bietet, ohne Kompromisse beim Geschmack einzugehen. Nachdem der Wein aus der neuen Rebe über vier Jahrgänge hinweg getestet und für gut befunden wurde, erteilte das US-Patent- und Markenamt Mitte Oktober den Schutz für die „Norton Blanc“. Es ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie lange der Weg von der ersten Bestäubung bis zur marktreifen Traube sein kann – egal ob für die Weinflasche oder die Obstschale.