Valentino Couture Frühjahr 2026: Ein cineastisches Requiem und Dakota Johnsons modisches Bekenntnis
Auf der Pariser Haute Couture Week spaltet sich die Modewelt oft in zwei Lager. Während die einen die Haute Couture als die höchste Form des persönlichen Luxus neu definieren und sich auf verborgene sensorische Genüsse konzentrieren, lösen andere das Versprechen der High Fashion als ultimative Flucht aus der Realität ein, gepaart mit technischer Virtuosität und theatralischer Inszenierung. Alessandro Michele gelang mit seiner Frühjahrskollektion für das Haus Valentino das seltene Kunststück, beide Ansätze miteinander zu verschmelzen – und das unter besonders emotionalen Vorzeichen, nur wenige Tage nach der Beerdigung von Valentino Garavani in Rom.
Eine Hommage im Kaiserpanorama
Obwohl Micheles Showkonzept bereits weit fortgeschritten war, als der Firmengründer diesen Monat im Alter von 93 Jahren verstarb, wirkte die Inszenierung wie ein perfekt geplanter Tribut. Die Atmosphäre war dem Geist des Maestros so nah, dass es kaum zufälliger wirken konnte. Statt eines traditionellen Laufstegs erwartete die Gäste ein abgedunkeltes Set, durchzogen von kreisförmigen Holzstrukturen mit Gucklöchern auf Augenhöhe. Inspiriert war dieses Arrangement vom Kaiserpanorama, einem Vorläufer des Kinos aus dem 19. Jahrhundert. Doch in den hell erleuchteten Boxen bewegten sich keine stereoskopischen Bilder, sondern lebende Models.
Zu Beginn der Show erklang eine Aufnahme von Garavani selbst, in der er beschrieb, wie seine Berufung im Kino geboren wurde. Der italienische Couturier wuchs mit der Bewunderung für Leinwandstars der 1940er Jahre wie Hedy Lamarr und Lana Turner auf. Michele griff diesen Faden auf, ging historisch jedoch noch weiter zurück. Er beschwor die Ursprünge der modernen Prominenzkultur, eine Melange aus Stummfilm-Ikonografie und dem Glamour des Art déco.
Specula Mundi: Der Spiegel der Welt
Unter dem Titel Specula Mundi – lateinisch für „Spiegel der Welt“ – trug jedes Kleidungsstück ein Versprechen der Transzendenz in sich. Viele Entwürfe wirkten wie zum Leben erweckte Illustrationen von Erté: Ein weißes Satin-Slipdress im Schrägschnitt, darüber ein elfenbeinfarbener, bestickter Samtmantel mit fließender Schleppe, der in einem Kopfschmuck aus Straußenfedern und Strasssteinen explodierte. Andere Kreationen schienen direkt aus dem Fundus der „Ziegfeld Follies“ oder „Mata Hari“ zu stammen. Man konnte sich Gloria Swanson in einem der weißen Chiffon-Capes mit silbernen geometrischen Motiven vorstellen oder einen schwarzen Samtmantel im Poiret-Stil mit grafischen Blumendekorationen bewundern.
Untermalt von einer Mischung aus klassischer Musik und wummerndem Techno boten sich Models mit goldenen Kronen der Betrachtung an wie Objekte weltlicher Anbetung. Goldene Lamé-Roben fügten einen Hauch von 80er-Jahre-Glanz hinzu und ließen Filmidoe mit Oscar-Statuetten verschmelzen.
Es hatte etwas unbestreitbar Metaphysisches, in diesem abgedunkelten Raum zu sitzen, gemeinsam mit Gästen wie Kirsten Dunst und Dakota Johnson, und diese Hommage an die Traumfabrik Hollywood zu begutachten – wohl wissend, dass einige dieser spektakulären Roben zweifellos für den roten Teppich der Oscars bestimmt sind. „Ich habe mich immer wie ein Archäologe gefühlt“, erklärte Michele in einer Vorschau und betonte seine Faszination für die mythenbildende Kraft von Kleidung. Für ihn ist der rote Teppich ein Ort jenseits des Marktes, vergleichbar mit der „Yellow Brick Road“ im Zauberer von Oz. Ein Märchenort, an dem die Fantasie regiert.
Dakota Johnson: Sensorische Sensibilität und Hosen-Boykott
Mitten in dieser surrealen Szenerie befand sich Dakota Johnson, die kürzlich zur globalen Markenbotschafterin von Valentino ernannt wurde. Die 36-jährige Schauspielerin nutzte den Anlass für ein modisches Statement, das ganz ihrer eigenen, sensorisch geprägten Philosophie entsprach. Ihr Outfit für Micheles Präsentation bestand aus einem federbesetzten Matelassé-Shrug mit kastigen Schultern über einer Bluse mit Leopardenmuster und Schluppe. Das Ganze steckte in Spitzen-Micro-Shorts, kombiniert mit floral bestickten Strumpfhosen und den ikonischen Rockstud-Pumps mit hauchdünnen Absätzen, die offenbar vor einem Comeback stehen.
„Keine Hosen fühlen sich für mich wie ein Zuhause an“, scherzte Johnson und sorgte damit für Erheiterung bei ihrem Team. Was zunächst wie eine Laune klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Johnson lebt seit ihrer Kindheit mit einer geschärften Wahrnehmung für Textilien. „Als ich klein war, war ich mir sehr bewusst, wie sich Stoffe auf meinem Körper anfühlten“, erzählt sie. Da sie den direkten Kontakt von Denim auf der Haut nicht ertrug, musste sie unter Jeans stets Strumpfhosen tragen.
Diese Empfindlichkeit hat sie bis ins Erwachsenenalter beibehalten. Rollkragenpullover und Mohair sind für sie tabu – das Gefühl stört sie so sehr, dass es ihr sprichwörtlich „im Hals stecken bleibt“. Genau diese Abwesenheit von schwerem Stoff zog sie zu ihrem Look bei der Valentino-Show.
Zwischen Kunst und Chaos
Ihre Beziehung zu Alessandro Michele beschreibt Johnson als eine der „großen Lieben ihres Lebens“. Sie fühle sich geehrt, seine kreative Reise begleiten zu dürfen. Dennoch bleibt die Fashion Week an sich für die Schauspielerin eine Herausforderung. Obwohl sie dankbar ist, „schöne Kunst bei der Arbeit zu sehen“, fühlt sie sich oft eingeschüchtert von der schieren Masse an Menschen und den endlosen Gesprächen über Kleidung. Dies ist durchaus ironisch für jemanden, der seinen Kleidungsstil mit der Aussage erklärt: „Ich trage ein Kleid, und welche Geschichte du dir auch immer dazu ausdenkst, das ist die richtige.“
Aktuell begeistert sich Johnson für den „Lingerie-Moment“ in der Mode – Slipdresses über Jeans oder Höschen über Strumpfhosen. Doch trotz ihres Auftritts in Micro-Shorts bei Valentino offenbart sie zum Abschluss noch einen kuriosen Widerspruch in ihren Vorlieben. Auf die Frage, was sie momentan überhaupt nicht mag, antwortet sie bestimmt: „Shorts, im Allgemeinen. Ich mag sie nicht.“ Damit scheint das Thema für sie erledigt – ein typischer Dakota-Johnson-Moment zwischen Ernsthaftigkeit und spielerischer Ironie.
Während die Awards-Saison vor dem Hintergrund chaotischer Weltereignisse ihren Lauf nimmt, forderte Michele sein Publikum – und seine Muse Dakota Johnson – dazu auf, zu träumen. Das Präsentationsformat zwang den Blick zum Verweilen: Mit dem Gesicht am Guckloch kämpfte der Betrachter zwischen dem Drang, jedes Detail aufzusaugen, und dem Impuls, die fantasievollen Erscheinungen mit dem Smartphone festzuhalten.