Zwischen Härte und Verspieltheit: Die Dualität des Alltags bei Celine und Doublet
Die Pariser Modewoche neigt sich dem Ende zu, doch was bleibt, ist das Gefühl einer subtilen Reibung. Es geht um Kontraste, die nicht mehr als Widerspruch verstanden werden, sondern als instinctive Symbiose. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich Michael Rider mit seiner Frühjahrskollektion 2027 für Celine. Unter dem programmatischen Titel „Tough & Tender“ entwirft der Creative Director eine Ära, die das Rohe mit dem Romantischen versöhnt. Es ist eine kalkulierte Balance: Auf der einen Seite stehen strenge, fast einnehmende Cocoon-Coats mit dezentem viktorianischen Einschlag, auf der anderen fließende, lässig geschnittene Anzughosen und Sommerhemden, die mit feinen Details brechen.
Rider verzichtet auf laute Inszenierungen und setzt stattdessen auf Essentials, die durch ihre Textur und Schnittführung überzeugen. Die Farbpalette bewegt sich souverän zwischen monolithischem Schwarz-Weiß, erdigem Camel und einem sanften Buttergelb, durchbrochen von expressiven Rottönen und tiefen Juwelenfarben. Das Layering erzeugt eine visuelle Tiefe, die spürbar macht, worum es hier geht: das Zusammenspiel von purer Struktur und extrem weichen Stoffen.
Besonders deutlich wird dieser gelebte Minimalismus beim Blick nach unten. Celine bricht das klassische Schneiderhandwerk durch eine unerwartete Kollaboration mit Reebok auf. Der archivierte Freestyle-Sneaker aus den 80ern kommt im abgewetzten, fast zerstörten Look daher und erdet die Silhouette. Zusammen mit schlichten, flachen Slippers entsteht ein Look, der eine unangestrengte, fast beiläufige Eleganz verströmt – Kleidung für ein reales Leben, das sich eben nicht in Schubladen stecken lässt.
Diese Frage nach der eigenen Identität im Wandel des Tages greift auch Masayuki Ino für Doublet auf, allerdings mit einer völlig anderen, wunderbar schrägen Dynamik. Während Celine die Dualität im Material sucht, seziert Ino die verschiedenen Facetten der menschlichen Persönlichkeit von morgens bis abends. Wer ist man eigentlich nach Feierabend? Sicherlich nicht derselbe Mensch wie beim ersten Kaffee.
Inos Kollektion „Morning, Noon And Night“ ist eine fast schon chronologische Erzählung eines exzentrischen Casts. Da ist das Schulmädchen, das morgens im Faltenrock startet und sich nach der letzten Stunde in ein farbenfrohes Harajuku-Girl verwandelt. Oder der Yuppie, der direkt aus dem Fitnessstudio kommt und dessen Look am Ende in einem transparenten Regenmantel im Patrick-Bateman-Stil eskaliert. Doublet zeigt Mode als Kostümierung des Alltags – inklusive einer Prise Chaos, wie beim sichtlich mitgenommenen Katzenbesitzer, der mit Transportbox und einem zerschlissenen „I love Puma“-Shirt über den Runway läuft. Letzteres teasert übrigens die neue Zusammenarbeit mit dem Sportartikelhersteller an. Die Accessoires, von gigantischen Kaffeetassen-Clutches bis hin zu Strumpfhosen in Sonnenbrand-Optik, sind purer Pop.
Man könnte sich nun an diesen skurrilen Gimmicks sattsehen und Ino für seinen Humor feiern. Doch hinter der humorvollen Fassade steckt eine beachtliche textile Tiefe. Nach den CO2-bindenden Garnen der letzten Saison treibt Doublet das Thema Nachhaltigkeit weiter voran und integriert recycelte Holzkohle, Bananenfasern und Holz direkt in die Kollektion. Dass die dunklen Flecken auf einem flauschigen Cardigan mit Leopardenmuster auf Holzkohle basieren, sieht man dem Teil nicht an – und genau das ist der Punkt. Ein Highlight der Kollektion ist ein All-in-One-Wrap, der die optische Täuschung eines Layerings aus Hemd, Slipdress und Trenchcoat erzeugt, wobei jedes Segment aus einem anderen, innovativen Recycling-Stoff gefertigt ist.
Wo Celine die Balance zwischen Härte und Zartheit in der zeitlosen Silhouette sucht, findet Doublet sie in der Dekonstruktion unseres täglichen Zeitplans und innovativen Textilien. Beide Kollektionen eint am Ende die Erkenntnis, dass moderner Stil nicht mehr eindimensional funktioniert. Mode im Jahr 2027 ist ein Spiel mit den Schichten – sowohl im stofflichen als auch im übertragenen Sinne.